Touristinfo in Oak Bluffs

Baukultur und Tourismus in der „Neuen Welt“

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Martha’s Vineyard ist eine kleine Insel vor der US-amerikanischen Küste von Cape Cod, Massachusets. Ein Urlaubsort der Reichen, Filmstars (der „Weiße Hai“ wurde hier gedreht) und Mächtigen (die Kennedys und Obamas mach(t)en hier Ferien) der USA. Landschaftlich so ähnlich wie Sylt oder die ostfriesischen Inseln vor der deutschen Nordseeküste – nur in ein bisschen wärmer – sowohl was die Luft- als auch die Wassertemperatur anbelangt. Ansonsten viele Ähnlichkeiten:

Die Zufahrt erfolgt nur über eine Fähre, die von einem in den 50er Jahre steckengebliebenen Fährhafen in Woods Hole ablegt, kreischende Möwen, eine salzige Meeresbrise und eine entspannte, dem Alltag auf dem Festland entrückte Ferienatmosphäre. Tourismuswissenschaftlich betrachtet ein typisches Tourismusisolat, das nur durch den Tourismus Bestand hat. – Alles habe ich hier erwartet, aber nicht ein Juwel der amerikanischen Baukultur.

Oak Bluffs - Hotel

Nach einem Jahr Forschung an europäischen und vor allem deutschen “guten Beispielen“ für die Symbiose zwischen Baukultur und Tourismus, treffe ich hier nun – auf der anderen Seite des Atlantiks und völlig überraschend – auf das perfekte amerikanische „gute Beispiel“. Jeder Ort hier auf Martha’s Vineyard hat seinen eigenen Charakter; Edgartown im Süden besticht mit seinen prächtigen weißen Kapitänsvillen aus dem 19.Jahrhundert im neugriechischen Stil und wirkt dadurch schon fast mondän; In Oak Bluffs hingegen flaniert man durch enge Gassen vorbei an Hunderten von bunten viktorianischen Holzhäusern in allen Farben und mit überbordendem Schnitzwerk, die allesamt so aussehen, als seien sie aus Pfefferkuchen gemacht. Allen Gebäuden gemein ist die komplette Abdeckung mit Schindeln aus Zedernholz – mal naturbelassen silbrig verwittert, mal weiß oder farbig gestrichen. Entstanden sind diese Häuser in der Zeit und mit dem Geld zunächst der Walfang-Kapitäne, später der frühindustriellen Bahnlinienbetreiber, Schiffsbauer und Reeder.

Edgartown

Anders als in vielen anderen amerikanischen Städten sind es hier auf Vineyard nicht nur die üblichen kleinen „historic districts“, in denen die alte Architektur bewahrt wurde und die dadurch immer sehr museal wirken. Vielmehr ist es ein flächendeckender und inselweiter Baustil, der alle Gebäude umfasst: Privathäuser genauso wie öffentliche Gebäude, Hotels, B&Bs, Restaurants – ja sogar Fähranleger und Infoboxen. Dass hier die Bebauung so unversehrt erhalten ist, ist umso erstaunlicher, da in den USA ja gerne alles sofort abgerissen wird, was nicht mehr zeitgemäß ist oder nicht mehr gebraucht wird und 150 Jahre alte Häuser per se eine Seltenheit sind. Zu verdanken ist dies zum einen dem National Preservation Trust, der sich die Bewahrung der altenBausubstanz zur Aufgabe gemacht hat, zum anderen den Kommunen und Bewohnern der Insel, die sich um den Erhalt ihrer Häuser kümmern. Letztere haben sich zudem auch darauf verständigt, dass große Handelsketten hier keinen Fuß auf den Boden bekommen – sogar die Banken sind in lokaler Hand. Deswegen gibt hier keine Fastfoodketten, keine Leuchtreklame, keine riesigen Shopping-Malls, die den Eindruck der baukulturellen Kleinode wieder zunichte machen würden. Vielmehr passen sich die Geschäfte und Restaurants inselweit in die historische Bausubstanz ein. Strenge Baugesetze helfen dabei, das traditionelle Erscheinungsbild zu erhalten – zeitgenössisch ergänzt wird entsprechend behutsam und an die alten Kubaturen Oak Bluffsangepasst, auch die neuen Häuser werden mit Holzschindeln verkleidet. Auch auf den Nachbarinseln Nantucket und Block Island sieht es ähnlich aus. Nantucket – ehemalige Walfanghochburg – steht mit seinen über 800 Häusern im gregorianischen, Federal- und neugriechischem Stil sowie Kapitänshäusern aus der Quäkerzeit (1740-1840) sogar komplett unter Denkmalschutz.

Und die Touristen (und Ferienhausbesitzer, von denen es hier eine ganze Menge gibt) kommen genau deswegen hierher: um neben Strand und Meer durch die schönen Orte zu flanieren und das persönliche Flair zu genießen: Historic Inn statt Motor Inn, persönliche Gespräche mit dem Gastgeber statt anonyme Abfertigung, homemade lemonade statt Softdrinkautomaten und Plastikbecher. So viel Idylle hat natürlich ihren Preis – trotzdem sind die Inseln im Sommer komplett ausgebucht und haben viele Stammgäste, die jedes Jahr wiederkommen. Sie sorgen mit ihrem Geld dafür, dass die Gebäude erhalten werden können, weil die Menschen hier durch den Tourismus eine Lebensgrundlage haben. Und darüber hinaus findet auch die Inseljugend hier Arbeit und Auskommen, so dass einer Abwanderung vorgebeugt wird. Und last but least: die Bewohner von Martha’s Vineyard sind mächtig stolz auf ihre schöne Insel – auf dieses Stück „gute alte Zeit“ in der „Neuen Welt“.

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