© Südtirol Marketing_Clemens Zahn

Baukultur und Tourismus: Einige Erfahrungen aus dem Alpenraum

Gastbeitrag von: Michael Volgger (EURAC), Harald Pechlaner (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und EURAC), Brigitte Plemel (Vorarlberg Tourismus) und Josef Mathis (Landluft – Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen)

In Diskussionen um Baukultur und Tourismus im ländlichen Raum wird der Alpenraum gerne als eine fortschrittliche Region dargestellt und bisweilen gar als Modellfall herangezogen. Dies mag auf den ersten Blick vielleicht auch verwundern, da der Tourismus im Alpenraum aus der Sicht der Baukultur auch immer wieder für fragwürdige Entwicklungen verantwortlich gemacht wird. Die Überzeichnung bestimmter, oftmals nur dem Anschein nach regionaltypischer Stilmerkmale kann hier beispielhaft genannt werden. Es kann gut sein, dass bestimmte Auswüchse auch der jahrzehntelang ungebremst wachsenden Nachfrage geschuldet sind. Wie auch immer die Ursachen gelagert sind, es stimmt schon: Trotz oder gerade wegen einiger Sünden hat der Diskurs rund um Baukultur und Tourismus in Teilen des Alpenraums seit einigen Jahren deutlich an Intensität und Gehalt gewonnen.

Was können andere Regionen davon lernen?

Die hier angenommene Vorreiterrolle des Alpenraums in punkto Tourismus und Baukultur in ländlichen Räumen ist wohl auf eine zugespitzte Situation zurückzuführen, welche sich dadurch auszeichnet, dass hier die öffentlichen Güter Raum und Landschaft besonders knapp und gleichzeitig besonders wertvoll sind. Der Alpenraum weist eine ganz spezielle Kombination von Herausforderungen und Anreizen im Umgang mit dem „Produktionsfaktor“ Raum auf. Daran ist der Tourismus nicht unbeteiligt.

Knappheit von Fläche und Raum im Kontext vielfältiger Ansprüche

Skigebiet Kronplatz © Südtirol Marketing_Frieder Blickle

Skigebiet Kronplatz © Südtirol Marketing_Frieder Blickle

Ein Lebensraum im Gebirge mit seiner Ausgesetztheit lehrt auch eine gewisse Demut im Umgang mit der natürlichen Umgebung. Diese „Bergkompetenz“ manifestiert sich gewiss auch (bau-)kulturell. Satteldächer oder kleine Fensterfluchten geben ein beredtes Zeugnis von Anpassungserfordernissen an alpine Besonderheiten. Der Einfluss des Berges geht aber darüber hinaus. In einer Gebirgslandschaft wie dem Alpenraum steht nur ein begrenzter Teil der Fläche für Bebauung überhaupt zur Verfügung. Am Beispiel Südtirol heißt dies etwa konkret: Von 7.400 km² Landesfläche sind nur etwa 7% als sogenannter Dauersiedlungsraum eingestuft, wovon aktuell die Hälfte schon genutzt wird. In Vorarlberg ist dies nicht anders. Dank des stärksten Bevölkerungswachstums innerhalb Österreichs in den letzten 30 Jahren leben auf 2.600 km² nun schon 370.000 Einwohner. Damit ist das alpine Vorarlberg mit zwei Dritteln der Landesfläche über 1.000 Metern Meereshöhe – gleich nach Wien – das am dichtesten besiedelte Bundesland Österreichs. Zwei Drittel der Landesbevölkerung „drängen“ sich auf rund einem Fünftel der Landesfläche.

Interventionen in diese knappen Räume oder bereits dahingehenden Ambitionen wird entsprechend große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Unterschiedliche Akteure, Branchen und Interessensvertreter versuchen, die Gestaltung dieses knappen Raumes in unterschiedliche Richtungen zu beeinflussen. Hotellerie, Landwirtschaft, Seilbahnbetreiber, Industrie und Naturschutzgruppen aber auch Bauindustrie, Architekten und Planer verfolgen bei ihren Vorstellungen der Raumgestaltung in wenigen Fällen deckungsgleiche Ziele. Das Konfliktpotential ist beträchtlich. Zum Teil wurden detaillierte Regelungen entwickelt, um einen Ausgleich zwischen diesen Ansprüchen herzustellen und insbesondere, um den insgesamten „Verbrauch“ von Raum einzudämmen. Beispiele sind die immer weiter reichenden Regelungen, die darauf abzielen, Zersiedelung zu verhindern.

Präsenz des Diskurses um Baukultur und Tourismus

Die besagten Konflikte sind bisweilen auch der Anlass für dynamische Aushandlungsprozesse jenseits von juridischen Regelungen. Solche Diskussionen befeuern die breite Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten des Bauens und fördern das Engagement der Bevölkerung. Durch das gemeinsame Suchen von Lösungen erlangt die Diskussion um Baukultur die nötige gesellschaftliche Breitenwirkung. Denn wie gerade das Vorzeigebeispiel Vorarlberg zeigt, sind die ständige Präsenz des Themas und die daran gekoppelte Sensibilität der Bevölkerung ein entscheidender Erfolgsfaktor auch für die glaubwürdige touristische Inwertsetzung von Baukultur. Ein kommunal verankertes Angebot von Beiräten für Baukultur, eher beratend als gebietend angelegt, reichert den Diskurs auch mit der nötigen fachlichen Kompetenz an (vgl. baukulturelle Aktivitäten der Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser).

Die Integration touristischer Akteure in den Diskurs um Baukultur ist natürlich wesentlich. Tatsache ist, dass die Schnittstelle von Baukultur und Tourismus mittlerweile in den meisten Teilen des Alpenraums zumindest thematisiert wird. In einigen Teilregionen gehören baukulturelle Fragen aktuell sogar zu den am meisten und intensivsten diskutierten touristischen Themen überhaupt. In Südtirol etwa folgt eine Diskussionsrunde auf die nächste und die letzten beiden größeren Kongresse rund um die alljährliche regionale Hotelmesse widmeten sich dem Spannungsfeld um Tourismus und Architektur (vgl. Fierabolzano). Ist die Präsenz des Diskurses einmal gegeben, betreffen die Herausforderungen insbesondere die Art, wie dieser Diskurs geführt wird (vgl. „Die Art des Diskurses ist essentiell“).

Hohe touristische Intensität und die Wertigkeit der bebauten Landschaft

Golmerbahn in Montafon © Vorarlberg Tourismus_Thomas Stankiewicz

Golmerbahn in Montafon © Vorarlberg Tourismus_Thomas Stankiewicz

Der Knappheit des (besiedelbaren) Raumes in alpinen Regionen steht ein hoher touristischer Druck auf diesen Raum gegenüber. Wieder an Zahlen am Beispiel Südtirol illustriert: Knapp 30 Millionen Nächtigungen von Gästen im Jahr verteilt auf 7.400 km² gebirgige Fläche und rund 500.000 Einwohner implizieren, dass touristisches Bauen einen großen Einfluss auf die bebaute Landschaft insgesamt ausübt und damit auch für die Einheimischen höchst relevant ist. Das wird dadurch noch verstärkt, dass der Tourismus oftmals das Privileg hat, in besonders attraktiven und sensiblen landschaftlichen Kontexten zu bauen (Haid, V., Ebner, T., & Oggiano, A. (2010): ‘Weil sichs’s der Gast so wünscht!?’, turrisbabel Nr. 84, S. 8-11.). Touristisches Bauen ist damit relevanter Teil der regionalen Baukultur insgesamt – und für jedermann von Interesse. Umgekehrt ist das Bauen der Einheimischen sowie nicht-touristischer Unternehmen fast immer auch touristisch bedeutsam.

Um nicht austauschbar zu sein, wird der Tourismus Interesse daran haben, dass die Art und Weise wie in einer Region gebaut wird, die regionalen Spezifika berücksichtigt. Das kann sich unter anderem auf die Zusammenarbeit mit regionalem Handwerk, auf die Beauftragung von Architekten aus der Region, auf die Verwendung regionaler Materialien, auf landschaftsangepasstes und ressourcenschonendes Bauen oder auf die Verwendung regionaltypischer Formen stützen. Die breitenwirksame Förderung von regional verankerter Baukultur ist jedenfalls im ureigensten Interesse des Tourismus – das haben die touristischen Akteure des Alpenraums verstärkt erkannt.

Gestalterische Kraft der Baukultur

Dorfzentrum Andelsbuch © Vorarlberg Tourismus_Albrecht Imanuel Schnabel

Dorfzentrum Andelsbuch © Vorarlberg Tourismus_Albrecht Imanuel Schnabel

Die Relevanz der Baukultur für den Tourismus geht aber darüber hinaus. Sie bietet Impulse für Innovation, Qualität und Wertschöpfung. Eine Auseinandersetzung mit Baukultur bietet Möglichkeiten, um sich in einem umkämpften Markt von den Konkurrenten abzusetzen. Sie bietet Möglichkeiten, um die Verbindung zwischen betrieblichen Konzepten und dem Destinationskontext zu verstärken; Chancen, um Infrastruktur-, Dienstleistungs- und insbesondere Erlebnisqualitäten weiterzuentwickeln. Baukulturelle Überlegungen bieten Zugänge, um neue Konzepte und Business Modelle zu ersinnen und althergebrachte kritisch zu reflektieren.

Baukultur fördert Innovation, fordert aber gleichzeitig eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kontext: Innovation, die sich in Zurückhaltung übt; Innovation, die sich der Tradition bewusst ist; Innovation als individuelle Intervention, die aber um die Kraft gesellschaftlicher Akzeptanz weiß.

In diesem Sinne ist das Spannungsfeld von Tourismus und Baukultur auch ein Stück weit ein Experimentierfeld für die zukünftige Gestaltung der Schnittstellen von Individuum, Gesellschaft und Natur insgesamt. Das ist vielleicht die wichtigste Erfahrung, die wir aus den aktuellen Diskussionen im Alpenraum berichten können.

Links:
Landluft – Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen

EURAC-Blog: Architektur und Tourismus – Die Art des Diskurses ist essentiell

Vorarlberg Tourismus: Architektur

Mitteilungsblatt der Stiftung der Kammer der Architekten, Raumplaner, Landschaftsplaner, Denkmalpfleger der Autonomen Provinz Bozen: Turisbabel

Kunst Meran: Alpen Architektur Tourismus

Hotelmesse Bozen: AUSgebaut?! – Hoteliers und Architekten auf der Suche nach neuen Wegen

Gemeinde Zwischenwasser

Ausstellungstipp:
Passend zum Thema lädt das Architekturforum Aedes in Berlin zur Aussttellung „Alpen Architektur und Tourismus – Neue Landschaftsarchitekturen in Südtirol“ ein, welche bis zum 26. März dort gastiert. Anhand von insgesamt dreiundzwanzig Projekten aus Südtirol wird das Wechselspiel zwischen Landschaft, Natur und Tourismus beleuchtet.

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