ITB-Umfrage

Meinungsbild auf der ITB 2014 zum Thema „Tourismus und Baukultur“

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Regionale Baukultur und Tourismus“ bot der Besuch der ITB Berlin, als weltweit größte Reise- und Tourismusmesse, dem Baukultour-Team die Gelegenheit, sich ein Bild vom Wechselspiel zwischen Tourismuswirtschaft und gebauter Umwelt, Architektur und Landschaft zu machen. Keine besonders leichte Aufgabe bei circa 4.000 Ständen und fast 12.000  Ausstellern! Zum Glück sind die Stände von deutschen und europäischen Destinationen auf mehrere, nah beieinanderliegende Hallen konzentriert, so dass wir einen guten Gesamtüberblick bekommen konnten. Uns hat vor allem die Bildsprache interessiert, die die Destinationen einsetzen, um ihre bauliche Attraktivität zu vermitteln. Schnell fiel uns auf, dass der Reichtum des baukulturellen Erbes, der touristische Webseiten dominiert, auch auf Messeständen in den Mittelpunkt gerückt wird. Insbesondere mit dem UNESCO-Welterbe-Status wird intensiv geworben. Zeitgenössische Bauweisen werden dagegen so gut wie nie in das touristische Image deutscher Destinationen aufgenommen – ganz im Gegensatz etwa zu Vorarlberg oder Norwegen, die in ihren Messeauftritten und Publikationen das Zusammenspiel von Natur, Tradition und moderner Architektur deutlich hervorheben.

Bislang ist nur sehr wenig darüber bekannt, wie Touristen die gebaute Umwelt von Destinationen erleben. Durch welche baukulturellen Attribute fühlen sie sich angezogen und welche lehnen sie eher ab? Um darüber Genaueres zu erfahren, haben wir an den 5 ITB-Messetagen eine stichprobenartige Besucherbefragung mit fast 140 Interviews zum Themenfeld „Regionale Baukultur und Tourismus“ durchgeführt. Die Befragung war ausdrücklich nicht als repräsentative Studie angelegt, sondern sollte lediglich ein Stimmungsbild der Besucherinnen und Besucher der ITB widerspiegeln.

Um die Befragung möglichst lebendig und visuell zu gestalten, haben wir den Fragebogen digitalisiert und den Probanden über Pads/Tablets 30 großformatige Farbfotos zur Ansicht und Auswahl gezeigt. Im Folgenden werden die interessantesten Fragestellungen und die dazugehörigen Ergebnisse kurz dargestellt:

Was ist im Urlaub wichtig?

Die erste Fragerunde bezog sich auf die beliebtesten Aktivitäten im Urlaub. Die Befragten sollten die genannten Aussagen mit Schulnoten von 1 (sehr wichtig) bis 6 (unwichtig) bewerten. Bei diesen Antworten ist die sehr gute Bewertung der Aussage: „Ich besuche gerne andere Orte und Städte.“ mit einer Durchschnittsnote von 1,9 hervorzuheben, die noch vor „Ich entspanne mich und mache am liebsten gar nichts.“ (Ø-Note: 2,01) und „Ich schaue mir gerne kulturelle Sehenswürdigkeiten an (Kirchen, Museen etc.).“ mit der Ø-Note: 2,44 liegt.

Bei den Ergebnissen ist zu berücksichtigen, dass auf einer Reisemesse gefragt wurde und damit ein reiseaffines Publikum, das wahrscheinlich auch ein überdurchschnittliches Interesse an anderen Kulturen und deren gebauter Umwelt hat. Das korreliert auch mit den Ergebnissen für die Fragen nach dem „Flanieren und Shoppen“. Die Antworten zeigen außerdem, dass beim Reiseverhalten zumeist von einer Kombination aus Erlebnissen in der Natur und Aktivitäten in der gebauten Umwelt auszugehen ist.

Welches sind die entscheidenden Aspekte bei der Auswahl eines Reiseziels?

Bei der zweiten Frage ging es um die Gründe für die Reiseziel-Entscheidung. Auch hier waren Schulnoten von 1 (sehr wichtig) bis 6 (unwichtig) für die verschiedensten Reisemotivationen (neben den „gängigen“ Motiven“ zusätzlich kulturelles Angebot, Einzelgebäude und Architektur, Wellness und Gesundheit, Genuss und Kulinarisches).

Die am Urlaubsort erwarteten „Städte und Dörfer“ rangieren in der Bewertung als Kriterium bei der Entscheidung für ein Reiseziel – hinter „Ruhe und Erholung“ und „Natur und Landschaft“ – auf Platz 3, noch vor „Klima und Wetter“. „Einzelgebäude und Architektur“ sind demgegenüber offenbar kein besonders wichtiges Kriterium für die Wahl des Reiseziels, ebenso wenig wie „Wellness und Gesundheit“. Die Ergebnisse dieser Fragenrunde decken sich weitgehend mit denen zur ersten Frage. Das Ergebnis untermauert die (Touristiker-)These, dass die gebaute Umwelt als „Kulisse“ zu einer Destination dazu gehört. Natur und Landschaft alleine sind offenbar lange nicht so attraktiv wie die Kombination mit Städten und Dörfern, die der Landschaft ein „Gesicht“ geben.

Wo bleibt man am liebsten über Nacht?

ITB-Umfrage: Hotel-Typ „Landhaus/Weingut“

ITB-Umfrage: Hotel-Typ „Landhaus/WeingutDes Weiteren sollten typische Übernachtungsmöglichkeiten (Apartmenthaus, Klosterhotel, First-Class-Hotel, Chalets, Weingut, „Centerpark“ und Zelt) bewertet werden.

Mit der Best-Note 1,94 wurde das südfranzösische „Weingut“ bewertet, das damit den „Spitzenreiter“ unter den vorgeschlagenen Hotel-Typen darstellt. Die „Chalets“ in Norwegen wurden im Durchschnitt mit der Note 2,17 bewertet und belegen damit den zweitbesten Platz.

ITB-Umfrage: Unterkunfts-Typ „Chalet“

ITB-Umfrage: Unterkunfts-Typ „Chalet“

Die Ergebnisse dieser Frage belegen eindeutig, dass sich die Befragten bei der Wahl ihrer Unterkunft von den Aspekten „Regionaltypische Bauweise“, „Kleinteiligkeit/menschliches Maß“ und „Authentizität“ leiten lassen. Diejenigen Übernachtungsmöglichkeiten, die am ehesten austauschbar sind und überall auf der Welt stehen könnten (Apartmenthaus, Luxushotel, Center-Park, Zelt), werden als am wenigsten attraktiv angesehen.

Welches sind die „schönsten“ Urlaubsmotive?

ITB-Umfrage: Schönste Urlaubsmotive

ITB-Umfrage: Schönste Urlaubsmotive

Eine weitere Fragenrunde bezog sich auf Fotomotive, die sehr unterschiedliche klassische, bauhistorische, zeitlose und moderne Architekturdetails zeigten und bei denen danach gefragt wurde, ob die Befragten sich selbst für solche Motive entscheiden würden. Hier ging es darum herauszufinden, welche architektonische Formensprache die Befragten mehr oder weniger (oder auch überhaupt nicht) anspricht.

Bei dieser Frage werden die Ergebnisse aus der vorherigen Frage nochmals bestätigt:

ITB-Umfrage: Schönste Urlaubsmotive

ITB-Umfrage: Schönste Urlaubsmotive

es wird das „Regionaltypische“, „Maßvolle“ und „Authentische“ goutiert, während Gebäude, die überall stehen könnten, eher unattraktiv oder zumindest uninteressant bewertet werden. Dies gilt auch für die beiden Motive von eher strenger moderner Architektur, die für die Mehrheit der Befragten keine positiven Assoziationen hervorrufen.

Woran erkenne ich eine Destination wieder?

Abschließend wurden den Befragten Fotos von Bauwerken in bekannten touristischen Destinationen gezeigt und sie wurden nach der richtigen Lokalisierung gefragt. Dabei sollte ermittelt werden, ob regionale Baukultur imageprägend für eine Destination sein und einen „Wiedererkennungseffekt“ auslösen kann. Vom Interviewer wurde jeweils vermerkt, ob die Antworten „richtig“ oder „falsch“ waren bzw. ob die Befragten „weiß nicht“ angegeben haben bzw. „keine Angabe“ gemacht wurde.

ITB-Umfrage: Woran erkenne ich eine Destination wieder?

ITB-Umfrage: Woran erkenne ich eine Destination wieder?

Die Ergebnisse zu dieser Frage bestätigen unsere These, dass regionale Baukultur imageprägend für eine Destination sein und sie unverwechselbar machen kann: die Toskana, Norwegen, die griechische Insel, Bayern oder die Ostsee-Seebrücke werden von den meisten relativ sicher „wiedererkannt“.

Im Tourismusmarketing ist dieser Wiedererkennungswert ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor für eine Destination, hilft er doch, sie aus der weltweiten Konkurrenz hervorzuheben und ein Alleinstellungsmerkmal zu bilden.

Der Fragebogen und die Einzelergebnisse können gerne bei der Arbeitsgemeinschaft angefragt werden.

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