Modellvorhaben Elbe-Weser

Gesucht – Gefunden: Die Spur der Steine

Zwischen Elbe, Weser und Nordsee prägt der Backstein nicht nur ganze Stadtquartiere, sondern auch die ländlichen Regionen. Doch taugt er auch als touristischer Leitfaden oder sollte sich die „Spur der Steine“ schlussendlich als Holzweg erweisen? Diese Frage stellten sich die Akteure aus vier touristischen Destinationen der Elbe-Weser-Region innerhalb des Projektes nicht selten. Denn der Raum, der mit dem touristischen Leitfaden der Backsteinkultur verbunden und beworben werden soll, erwies sich nicht nur geografisch als äußerst divergent. Am Ende stand dennoch ein handfester Nutzen für alle Beteiligten. Nicht zuletzt dank einer guten Prise norddeutscher Stetigkeit.

Am Anfang war der Backstein…
Lothar Tabery liebt es, seine norddeutsche Heimat aus der Perspektive des Radlers zu erkunden. Meist abseits der bekannten touristischen Routen unterwegs, gerät dabei eine Vielzahl interessanter vom Backstein geprägter Gebäude, Orte und Ensembles in seinen Blick. Ihr gemeinsames Schicksal: ein mehr oder weniger tiefer Dornröschenschlaf. Für den ehemaligen Vizepräsidenten der Architektenkammer Niedersachsens und stellvertretenden Vorsitzenden des Forums BauKulturLand Elbe-Weser war dies ein impulsgebender Wink. Dieses Potenzial zu nutzen für eine touristische Vermarktung und die Geschichte der Backsteinkultur für Touristen und Einheimische spannend zu inszenieren ist seither seine Mission.

Zu erzählen gibt es genug, denn die Geschichte des Backsteins reicht zurück bis 6.000 v. Chr. Damit ist der Backstein einer der ältesten Baustoffe der Menschheit. Im Elbe-Weser-Dreieck legt er eine gut sichtbare Spur. Seine variantenreiche Verwendung verbindet Dörfer und Städte, historische Gebäude und zeitgenössische Architektur. Diese „Spur der Steine“ mit lebendigen Formaten touristisch aufzubereiten, war das Anliegen des Modellvorhabens Elbe-Weser.


Ziele des Modellvorhabens:

  • Touristische Formate erarbeiten und zur regionalen Positionierung nutzen
  • Get-together von Baukulturakteuren und Touristikern, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln
  • Sensibilisieren für die Bedeutung von Baukultur in der Region und für die Region

Einzigartig! Das Zauberwort im touristischen Wettbewerb
Meer, Wind, Strandkorb – solche Urlaubsgeschichten erzählen viele Regionen im norddeutschen Raum. In dieser Konkurrenzsituation bietet die „Spur der Steine“ einen Anker zur Profilierung. Das Ziel: Entdeckertouren nehmen Besucher und Bewohner der Region mit, vermitteln ihnen Wissenswertes über den Baustoff Backstein, erzählen interessante Geschichten über Menschen und ihre Häuser und schlagen eine Brücke zum Verständnis zeitgenössischer Architektur.

r diese Idee fand Lothar Tabary schnell Mitstreiter, die Steine schlugen
sozusagen Funken. Hans Hermann Bode, Kreisbaurat des Landkreises Stade und Vorsitzender des BauKulturLand e. V. Elbe-Weser, Benjamin Bünning, Geschäftsführer des Natur- und Erlebnisparks Bremervörde, sowie Dr. Ute Maasberg, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Architektenkammer Niedersachsen, kamen als engagierte Förderer der Idee hinzu. Die Geschäftsführer weiterer Tourismusverbände aus dem Landkreis Stade, dem Cuxland sowie von Teufelsmoor-Worpswede-Unterweser vergrößerten den Kreis zusätzlich. Die ‚Hochschule 21‘ in Buxtehude übernahm die wissenschaftliche Begleitung des Projekts. Somit war die Gruppe der Akteure gut gemischt und startklar für eine erste, grundlegende Analyse.

Schnell zeigte sich hierbei das enorme Potenzial, das sich im Elbe-Weser-Dreieck verbirgt. Als projektrelevant wurden verschiedene Gebäudetypologien identifiziert. Sie alle sind durch den Backstein geprägt und bieten die Grundlage für vielfältige und interessante Geschichten.  Neben Burgen, Schlössern, Herrensitzen, Rat- und Gemeindehäusern, Kirchen, Klöstern, Kapellen, Wohn‑, Geschäfts- und Bauernhäusern wurden auch Lagerhallen, Speicher, Archive, Kulturbauten, Hotels, Gaststätten, militärische Bauten, Industriegebäude, Türme und Landmarken als potenzielle Objekte betrachtet. Hinzu kamen weitere Objekte aus der Garten- und Landschaftsarchitektur, Gebäudegruppen und Ensembles sowie Straßenräume und Plätze. Diese in gemeinschaftlicher Arbeit zu analysieren, baukulturell und touristisch zu bewerten und in einer „Story“ über das Thema Backstein als touristischen Leitfaden durch die Region zusammenzuführen war die Aufgabe für die kommenden Jahre.

Kurs halten in schwierigem Fahrwasser
Frisch gestartet, geriet die Projektgruppe schnell in schwieriges Fahrwasser. Auf ersten Treffen und Workshops stellte sich heraus: Die Umsetzung der Idee wird nicht einfach. Zu gering die Ressourcen, zu groß die Unterschiede in einer Region, die mehrere Landkreise umfasst, ländliche und städtische Destinationen, Küstenregionen und Hinterland. Mehrere Hundert Objekte wären zu analysieren gewesen und die Einbindung in die unterschiedlichen Strategien von vier Tourismusverbänden mit verschiedener Ausrichtung hätte geklärt werden müssen. Technische Lösungen zur Darstellung hätten ebenso gefunden werden müssen, wie das verbindende Element zwischen den Objekten und Orten, das gleichzeitig noch von touristischer Relevanz sein sollte. Als große Hürde stellten sich zudem die begrenzten zeitlichen Ressourcen der Tourismusverbände dar. Themen, wie etwa Digitalisierung, Marketing, Nachhaltigkeit, barrierefreie Gestaltung der Destination, ließen die „Spur der Steine“ häufig zur Standspur werden. Als anfänglicher Stolperstein erwies sich darüber hinaus das noch relativ geringe Wissen über Baukultur aufseiten der Tourismusverbände. So konnte der potenziell aus dem Projekt erwachsende
Mehrwert zur Profilierung der Destination zunächst nur unzureichend bewertet werden. Umgekehrt fiel es den Akteuren, die die baukulturelle Seite vertraten, schwer, die Arbeit von Tourismusverbänden und deren Bedarfe zu verstehen. Hier war intensive Informations- und Aufklärungsarbeit nötig, um beide Seiten zusammenzubringen und einen Dialog auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Als hilfreich erwies sich dabei die Durchführung eines Workshops mit externer Moderation. In diesem wurden klarere Ziele definiert, ein konkretes Kernanliegen identifiziert, Schnittmengenthemen zwischen den Akteuren herausgefiltert und die Aufgaben des Projektes auf das Machbare begrenzt. Den Durchbruch für die gemeinsame Arbeit aber brachte die klare Formulierung des erwarteten Nutzens für die einzelnen Akteure. Während die Baukulturseite das Bewusstsein für das Thema und die Schärfung der Sinne für Baukultur und Architektur gefördert sehen wollte, fragten die Touristiker nach handfesten und vermarktbaren Angeboten, attraktiven Bildern und spannenden Hintergrundgeschichten.

Über verschlungene Wege zum Ziel
Über den weiteren Weg des Modellvorhabens gab es unterschiedliche
Vorstellungen. Zunächst sollte die Bahnlinie des Moorexpresses – verkehrend zwischen Bremen und Stade – als roter Faden für die Vernetzung interessanter Objekte dienen, dann kamen weitere Routen ins Spiel, es wurden diverse Vorschläge zum „Storytelling“ entwickelt und zusätzliche Ideen zur Vermarktung eingebracht. Der Diskurs war aufwendig, führte in Sackgassen, auf Umwege und geriet zwischenzeitlich wieder ins Stocken. Zudem stellte sich die Frage, ob die Elbe-Weser-Region überhaupt eine touristische Destination ist und ob Baukultur ein verbindendes Element sein könnte. Dies wurde schließlich verneint, denn die Gästeinteressen sowie die Angebote der Urlaubsgebiete zwischen Elbe, Weser und Nordsee unterscheiden sich deutlich. Der scheinbare Knock-out für das Miteinander erwies sich jedoch – einmal deutlich ausgesprochen und von allen akzeptiert – als Schlüssel zum Erfolg. Von nun an war der Prozess getragen von einem gemeinsamen Verständnis und von der Gewissheit, dass am Ende alle Beteiligten zwar unterschiedliche, aber dafür konkrete Nutzen davontragen würden. Doch was könnte die Grundlage dafür sein, wenn eine Route, ein Thema allein nicht reichen würde, die  divergierenden Bedarfe in der Modellregion zu erfüllen? In dieser Prozessphase wurde die zielführende Idee der Datenbank geboren. Sie bietet Destinationen vielfältige Möglichkeiten der individuellen Nutzung. So kann eine Destination ausgehend von den eingestellten Objektinformationen Angebote mit Mehrwert für ihre Gäste entwickeln.

Die Backsteine werden digital
Willkommene Starthilfe für den Aufbau der Datenbank lieferte das Museum Schwedenspeicher in Stade. Über die Kooperation mit dem Museum konnte die Objekterfassung durch die bereits vorhandene Datenbanksoftware des Museums vorangetrieben werden. Die Objekte wurden zunächst katalogisiert, beschrieben, fotografiert und online gestellt. Die Sammlung unter dem Namen „Baukultur entdecken“ umfasst  inzwischen 150 Einträge. Ihren Nutzern bietet die Webseite:

  • die Sortierung nach Gebäudetypen und touristischen Regionen
  • einen kombinierbaren Stichwortfilter für die Suche nach Orten und besonderen Merkmalen, wie z. B. Museum, Mühle etc.
  • Links und Videos zu den eingestellten Objekten
  • Kartendarstellungen für den geografischen Überblick
  • einen integrierten Routenplaner für die Anreise mit privaten oder öffentlichen Verkehrsmitteln

Die Projektsammlung ist nicht abgeschlossen, sondern wird weiter in unregelmäßiger Folge ergänzt. Alle ausgewählten Bauwerke bezeugen den Umgang mit dem Backstein bzw. Mauerziegel als regionaltypischem Baustoff und mit dessen „steinernem“ Vorgänger, dem Feldstein. Die abrufbaren Informationen lassen Unterschiede, aber auch Parallelen und Zusammenhänge erkennen und ermöglichen die Annäherung an eine  kulturgeschichtliche Betrachtung. Die Datenbank lässt sich einbinden in die Webseiten der regionalen Tourismusverbände. Es können Routen entwickelt, Bilder genutzt und Geschichten erzählt werden. Ein wertvoller Fundus zur Destinationsentwicklung und für das Destinationsmarketing ist entstanden. Er hilft bei der Darstellung regionaler Baukultur und zeigt die Bedeutung des Backsteins und der entsprechenden Gebäude.

Quintessenz
Die „Spur der Steine“ hat in der Region Elbe-Weser-Dreieck erstmalig Baukultur und Tourismus zusammengebracht. Jedoch bedurfte es einer Menge Zeit und intensiver Kommunikation, um ein Miteinander zu etablieren. Der Durchbruch gelang mit einer eindeutigen Definition des Nutzens des Modellvorhabens für alle Beteiligten. Auf dieser Basis entstand dann eine umfangreiche Datenbank mit über 150 Objekten. Die regionalen Akteure nutzen sie nun ganz nach ihrem individuellen Bedarf. Die Sammlung von Architekturobjekten mit Backstein als verbindendem Element ist zur Grundlage für touristische Routen, spannende Geschichten und informative Hintergründe geworden.

Gute Beispiele aus dem Modellvorhaben Elbe-Weser:

 


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus der aktuellen Sonderpublikation Baukultur und Tourismus, Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“.

Die komplette Publikation ist als Download-PDF erhältlich oder als Printversion zu bestellen bei: christoph.vennemann@bbr.bund.de, Stichwort: Baukultur und Tourismus.


Kommentare sind geschlossen.