Modellvorhaben Mecklenburg-Strelitz

Baukulturelles Erbe, gefüllt mit neuem Leben

Wäre der touristische Wettbewerb ein Kartenspiel, hätte Mecklenburg-Strelitz immer ein Trumpfass auf der Hand. Als vermutlich größte Wassersportregion Mitteleuropas kann sich das einstige Großherzogtum seit Jahren seiner naturliebenden Gäste sicher sein. Doch ausruhen will sich die Modellregion auf dem Status quo nicht. Ihr Ziel: Die Kulturlandschaft soll die touristische Basis erweitern. Dabei geht es nicht nur um die Inwertsetzung des baulichen Erbes von Königin Luise & Co., sondern ebenso um zeitgenössische Interpretationen und Entwürfe. Doch damit das neue Ass im Qualitätstourismus zukünftig punkten kann, hieß es für die Akteure zunächst ein gemeinsames Spielverständnis zu entwickeln.

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Mecklenburg-Strelitz in Mecklenburg-Vorpommern; Quelle: büroG29

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Mecklenburg-Strelitz in Mecklenburg-Vorpommern; Quelle: büroG29

Ein touristisches Portfolio – nicht nur auf dem Wasser gebaut
Wer zur Mecklenburgischen Kleinseenplatte reist, möchte Wassersport treiben, Rad fahren oder wandern. Das „Land der 1000 Seen“ bezeichnet sich selbst als die größte Wassersportregion Mitteleuropas. Da ist es nicht verwunderlich, dass rund 80 Prozent der Gäste Aktivitäten in der Natur als Reiseanlass angeben, nur fünf Prozent benennen Kultur als Grund. Dabei gibt es in der Region einen Schatz baulicher und kultureller Besonderheiten – so zum Beispiel die gut erhaltene barocke Idealstadtanlage von Neustrelitz. Die Residenzstadt kann zwar kein Schloss mehr präsentieren, wird aber geprägt durch die gotische Schlosskirche sowie zahlreiche klassizistische und neugotische Bauten des großherzoglichen Baumeisters Friedrich Buttel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch im Umland von Neustrelitz gibt es – wie fast überall in Mecklenburg-Vorpommern – herausragende Bauten der Backsteingotik sowie touristisch interessante Schlösser und Parks. Nicht zu vergessen: Aus der Familie des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz gingen drei europäische Königinnen hervor, darunter Sophie Charlotte, Königin von Großbritannien und Irland, und die beliebte Königin Luise von Preußen. Bekannt sind sie heute meist nur noch den Studienreisenden und älteren Besuchern der Region. Höfische „Verehrer“ pilgern denn auch zu den geschichtsträchtigen Stätten wie zur Schlossinsel Mirow, dem Geburtsort von Charlotte, oder zum Schloss Hohenzieritz, dem Sterbeort Luises.

Haupttreppe und Portal von Schloss Hohenzieritz, Hohenzieritz; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Haupttreppe und Portal von Schloss Hohenzieritz, Hohenzieritz; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Dass diese traditionelle Baukultur der Region einen Imagewandel nötig hat, um auch für jüngere Zielgruppen in Zukunft attraktiv zu werden und langfristig eine Saisonverlängerung über die Sommermonate hinaus zu erreichen, war den Touristikern schon länger bewusst. Daraus erklärt sich auch der Untertitel des Modellvorhabens:  „Historische Baukultur im Wandel“. Wie dieser Wandel erreicht werden kann, war eine der zentralen Fragen.


Ziele des Modellvorhabens:

  • Durch die Sensibilisierung für Baukultur die Tourismusentwicklung auf eine breitere Basis stellen
  • Aufmerksamkeit für den kulturhistorischen Raum des ehemaligen Großherzogtums erzeugen
  • Tourismus und qualitätsvolles Bauen enger verflechten


Regions- und Landesakteure vernetzen sich

Als Projektträger fungierten der Landkreis und regionale Touristiker, die insbesondere bei der Antragstellung von der Landesarchitektenkammer und dem Landestourismusverband unterstützt wurden. Die Zusammenarbeit zielte darauf ab, an einem konkreten Beispiel im ländlichen Raum von Mecklenburg-Vorpommern zu zeigen, wie Städte und Gemeinden (und ihre Bausubstanz) und der Tourismus durch das Zusammenwirken aller thematisch relevanten regionalen Akteure gestärkt und profiliert werden können.

Touristen im Burghof der Alten Burg, Penzlin; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Touristen im Burghof der Alten Burg, Penzlin; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Im Fokus stand die Untersuchung positiver Wechselwirkungen von Baukultur und Tourismus für die regionale  Entwicklung. Gerade in Mecklenburg-Vorpommern ist das eine zentrale Frage, zählt der Tourismus doch zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Bundeslandes. Will die Region künftig touristisch als Baukulturregion  wahrgenommen werden, ist dies, von der Aktualisierung und  Modernisierung des touristischen Angebotes abgesehen, nur über eine intensive Kommunikation der gemeinsamen Ziele und vernetztes Handeln  möglich. Eine dauerhafte Zusammenarbeit aller relevanten Akteure sollte befördert werden.

Erfreuliche Resonanz, vielfältige Erwartungen
Der Startschuss fiel mit einer öffentlichkeitswirksamen Eröffnungsveranstaltung im Juni 2017 im „Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz“. Sie sollte den potenziellen Akteuren die Projektinhalte, das geplante Vorgehen sowie die Zielvorstellungen nahebringen und als Initialzündung für Kooperationen dienen. Für den Auftaktworkshop des Modellvorhabens wurde „laut getrommelt“.

So konnte ein außergewöhnlich breites Spektrum an Akteuren motiviert werden. Neben überregionalen Vertretern der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern und des Landestourismusverbandes, Mitarbeitern von Kommunal- und Regionalverwaltungen und Genehmigungsbehörden sowie zahlreichen Architekten folgten auch diverse Politiker/Bürgermeister der Einladung des Landrates. Ebenso nahmen Vertreterinnen und Vertreter von lokalen und regionalen Initiativen und LEADER-Aktionsgruppen, Hoteliers,  Ferienwohnungsanbieter, Gastronomen, ein regionaler Holzhausproduzent und eine Pastorin der evangelischen Kirche („Pfarramt für Tourismus“) an der Veranstaltung teil. Die hohe Resonanz spiegelte aber auch die  Vielfältigkeit der möglichen Ansätze, die Unterschiedlichkeit der Interessenlagen und die diversen Hoffnungen und Wünsche an das Modellvorhaben wider. Für die Koordinierungsgruppe keine leichte Aufgabe, hier in der Folgezeit den Fokus zu behalten und am Ball zu bleiben.

Blick auf Seeterrasse von Hotel und Restaurant "Altes Zollhaus", Feldberger Seenplatte; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Blick auf Seeterrasse von Hotel und Restaurant „Altes Zollhaus“, Feldberger Seenplatte; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Gesetzt war als inhaltliche Klammer der nachhaltige Qualitätstourismus, der eine wichtige regionalökonomische Rolle spielt. Eine identitätsstiftende Funktion besitzt in der Region jedoch bisher vor allem der gemeinsame Naturraum. Der Wunsch: Zukünftig sollte das Zusammenspiel von Geschichte, Baukultur und Tourismus neue, ergänzende Impulse geben und die regionale Identität stärken. Wie dies geschehen sollte und welche Zielgruppen angesprochen werden sollten, war noch festzulegen. Es kamen dafür sowohl Akteure aus dem Bereich der Tourismusförderung, Verwaltung und der Baukultur, aber auch potenzielle Investoren sowie öffentliche und private Grundstückseigentümer in Frage.

Klarheit durch SWOT-Analyse
Eine gemeinsam erarbeitete Potenzialevaluierung (SWOT-Analyse) war dann der zentrale Schritt und die Voraussetzung, um konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten. Im Rahmen der Analyse wurden zuerst zu den beiden Teildisziplinen Fragestellungen entwickelt. Bezogen auf den Tourismusbereich wurde beispielsweise gefragt, ob die touristischen Akteure über die Baukultur in der Region informiert sind und ob sich der Tourismus durch seine Verknüpfung mit Baukultur weiter ausbauen lässt.

Badezimmerdetail im Hotel "Alter Kornspeicher", Neustrelitz; Quelle: Leicher/COMPASS

Badezimmerdetail im Hotel „Alter Kornspeicher“, Neustrelitz; Quelle: Leicher/COMPASS

Ergänzend ging es im SWOT-Teilbereich Baukultur darum, ob die Baukultur in der Region für jedermann verständlich beschrieben und, wenn ja, ob darüber erfolgreich informiert wird und inwieweit Kooperationen und Vernetzungen von Baukultur und Tourismus vorhanden sind. Im Wesentlichen sollte herausgearbeitet werden, wie sich die regionale Baukultur zu einer starken und für den Tourismus verwertbaren Marke entwickeln kann. Dabei richtete sich der Blick nicht allein auf die  Darstellung des baulich-kulturellen Erbes, sondern auch auf eine zeitgenössische Interpretation zukünftiger Bau- und Planungsaufgaben. Besonders vor dem Hintergrund der faszinierenden Landschaft ist Baukultur in diesem Kontext immer in Kombination mit dem Naturerlebnis zu sehen.

Im Ergebnis wurden als Kernpotenziale drei Themen identifiziert:
1. Baukultur & Essen: Historische Baukultur der land- und wasserwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion als authentische Stätten für die touristische Infrastruktur (Gastronomie, Beherbergung, Unterhaltung) nutzen. Hier geht es z. B. um Nachnutzung von Ställen, Scheunen, Bootshäusern, Mühlen oder einer Meierei.
2. Bauen & Kulturlandschaft: Baukultur ist als ein prägendes Element in der Kulturlandschaft zu verstehen. Basis dafür ist es, die Komposition der Landschaft zu verstehen, zu respektieren und fortzuführen.
3. Baukultur & Großherzogtum: Historische Baukultur – Zeugnis höfischen Lebens in Mecklenburg-Strelitz: Damit sind sowohl repräsentative Bauten wie Schlösser und Parkanlagen, Guts- und Herrenhäuser, Kirchen als auch Infrastruktur (Postämter, Bahnhöfe, Schleusen usw.) und Alltagsarchitektur (Landarbeiterhäuser, Speicher, Schmiede usw.) aus der Zeit des Großherzogtums gemeint, welche die historisch wertvollen Stadt-, Orts- und Landschaftsbilder der Region prägen.

Blick auf ein saniertes ehemaliges Speichergebäude, Neustrelitz; Quelle: Leicher/COMPASS

Blick auf ein saniertes ehemaliges Speichergebäude, Neustrelitz; Quelle: Leicher/COMPASS

Es ist ein breites Spektrum an Gebäuden, die in der jüngeren Vergangenheit in der Region durch den Tourismus eine Neu- bzw. Umnutzung erfahren haben. So wurde in Neustrelitz aus dem ehemaligen verfallenen Kornspeicher am Hafen ein Hotel, aus dem ehemaligen Postgebäude das „Kulturquartier“ inklusive Museum, Veranstaltungsräumen und  Stadtbibliothek, aus der alten Kachelofenfabrik ein Kulturtreff mit Gästehaus und Programmkino; die entweihte Schlosskirche wurde zu einer Kunstausstellungshalle und der Wäschespülpavillon am See zum Café. Hinzu kommen weitere ambitionierte Einzelprojekte. Auch die aktuelle, hochpolitische Diskussion um einen möglichen Wiederaufbau des Neustrelitzer Schlosses ist in diesem Kontext zu sehen. Sie zeigt, dass das Thema Baukultur die Akteure der Region stark beschäftigt.

Verstetigung über ein Baukultur-Café
Dem langfristigen Erhalt des Baukultur-Tourismus-Diskurses und der Kooperation von Baukultur und Tourismus in der Region soll ein „Baukultur-Café“ im Kulturquartier in Neustrelitz dienen, das als lockere Veranstaltungsreihe konzipiert ist und seit April 2019 regelmäßig ein Netzwerk aus Baukultur- und Tourismusakteuren zusammenbringt. Ziel ist, die notwendige Bewusstseinsbildung in den unterschiedlichen Akteursgruppen und die Vereinheitlichung der Werte und Begrifflichkeiten in der Baukultur und im Qualitätstourismus weiter zu befördern.

Quintessenz
Baukultur ist als weiterer wichtiger Baustein des Qualitätstourismus abseits der Küsten Mecklenburg-Vorpommerns identifiziert worden. Die Baukultur der Region Mecklenburg-Strelitz soll künftig vermehrt aufgegriffen und vermittelt werden. Voraussetzung dafür ist die langfristige enge Kooperation von Touristikern und Baukultur-Akteuren. Letztere sind gefragt, den fachlichen Hintergrund und die nötige „Hardware“, sprich die baukulturell wertigen Gebäude, Anlagen und Informationen beizusteuern. Der intensive Prozess hat zudem neue Themen für die touristische Inwertsetzung zutage gefördert. Wichtigstes Fazit: Für eine touristische Vermarktung von Baukultur braucht es immer den Kontext der Region in Verbindung mit der Qualität des Naturraumes, denn für sich allein ist Baukultur im ländlichen Raum kein Reiseanlass.

Gute Beispiele aus dem Modellvorhaben Mecklenburg-Strelitz:

 


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus der aktuellen Sonderpublikation Baukultur und Tourismus, Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“.

Die komplette Publikation ist als Download-PDF erhältlich oder als Printversion zu bestellen bei: christoph.vennemann@bbr.bund.de, Stichwort: Baukultur und Tourismus.


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