Modellvorhaben Sauerland

Die Sauerland-Identiät gewinnt Kontur und Kraft

Das touristische Image des Sauerlands ist bestens: endlose Wanderwege, klare Stauseen, kleinteilige Orte, traditionelle Fachwerkhöfe und in der Wintersaison schnell erreichbare Skipisten. Doch worauf gründen die Sauerländer selbst ihre Identität, abseits der viel gerühmten Bodenständigkeit? Das Modellvorhaben hat eine inspirierende und Klarheit bringende „Nabelschau“ in Gang gesetzt. Dabei füllte sich der Begriff der Baukultur zusehends mit Leben und gemeinschaftsstiftender Bedeutung – festgehalten in einer selbstverpflichtenden Charta.

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Sauerland in Nordrhein-Westfalen; Quelle: büroG29

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Sauerland in Nordrhein-Westfalen; Quelle: büroG29

Ein interdisziplinäres Netzwerk mit passender Chemie
Mit dem Ziel die regionale Identität des Sauerlandes zu ergründen und nach innen und außen zu stärken hatte sich bereits, bevor der Antrag zum Modellvorhaben gestellt worden war, ein „Sauerland-Markenrat“ gebildet. Sein Anliegen ist es am Thema sauerländische Identität zu arbeiten und die „Marke Sauerland“ zu modernisieren. So war es eine wesentliche Intention der Teilnahme am ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus“, dieses schon vorhandene Engagement zu nutzen, um das Thema Baukultur innerhalb der Region strategisch anzugehen, die vielfältigen Aktivitäten zu bündeln und miteinander zu verzahnen sowie entstandene Bündnisse zwischen Tourismus, Wirtschaft und Kommunen auszubauen bzw. weitere zu knüpfen.

Wenn sich fast zwanzig Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen – die unabhängig voneinander und in völlig verschiedenen Arbeitszusammenhängen im Sauerland aktiv sind – zum Thema „Baukultur und Tourismus“ zusammensetzen, gibt es naturgemäß verschiedene Vorstellungen, Erwartungen und Handlungsansätze. Diese zu sortieren, anzugleichen, auszudiskutieren und konstruktiv fortzuentwickeln war zunächst die wichtigste Aufgabe des neu gegründeten, ca. 20-köpfigen „Akteursnetzwerkes“. Von Anfang an war aber auch klar: Eine hoch qualifizierte Gruppe von Akteuren wird sich nur über eine längere Zeit binden, wenn jedes einzelne Treffen für die Teilnehmenden einen Mehrwert hat, es sich also lohnt teilzunehmen.

Sanierter Altbau "Blaues Haus" Arnsberg mit Giebelfenster im modernen Anbau; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Sanierter Altbau „Blaues Haus“ Arnsberg mit Giebelfenster im modernen Anbau; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Dies ist offensichtlich gelungen. Über zwei Jahre hinweg hat sich die Gruppe etwa jedes halbe Jahr getroffen und zwei Tage lang an einem inspirierenden Ort im Sauerland getagt. Alle Netzwerktreffen wurden mit Unterstützung eines externen Büros inhaltlich und organisatorisch gut vor- und nachbereitet. Zwischen den Treffen fanden teilweise Sitzungen von kleineren Arbeitsgruppen statt. Als Verbindung zwischen den Netzwerkmitgliedern und -terminen fungierte ein Kernteam, das die Idee für das Modellvorhaben entwickelt und die Akteure zusammengebracht hatte. Dass dieses Akteursnetzwerk im Modellvorhaben Sauerland so gut funktioniert hat, war einer der Erfolgsfaktoren. Die Zusammensetzung passte, die Chemie stimmte, die zeitliche Belastung durch die Treffen wurde offenbar durch den interessanten interdisziplinären Austausch kompensiert.


 

Ziele des Modellvorhabens:

  •  Für baukulturelle Potenziale in der Region sensibilisieren und nach Möglichkeiten suchen, diese auch touristisch zu nutzen
  • Unterschiedliche regionale Akteure vernetzen
  • Expertise nutzen von Fachleuten, die im Sauerland und Südwestfalen aktiv sind
  • Erarbeiten eines Leitbildes Sauerland-Baukultur – später „CHARTA Baukultur“


 


Baukultur – ein Begriff, der gefüllt sein will

Wer regionale Baukultur fördern will, muss erst einmal ein gemeinsames Verständnis erarbeiten, worin sie besteht und was sie ausmacht. Dieser Deutungs- und Abstimmungsprozess hat das Modellvorhaben Sauerland von Anfang an begleitet und wird sich auch über den Abschluss hinweg fortsetzen. Dass er nicht nur von Baufachleuten zu führen ist, sondern ebenso von anderen Professionen und eine Diskussion in breiter Öffentlichkeit erfordert, wurde im Akteursnetzwerk schnell erkannt. Verschiedene Ansätze zur Annäherung und Begriffsklärung sind erprobt und angewendet worden:

Blick vom Dach-Swimmingpool des "Hotel Seegarten" in die Landschaft, Sundern-Langscheid; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Blick vom Dach-Swimmingpool des „Hotel Seegarten“ in die Landschaft, Sundern-Langscheid; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Der Fotowettbewerb „Lieblingsplätze gesucht“ hat die Öffentlichkeit niedrigschwellig zum Thema Baukultur angesprochen. Bevölkerung und Gäste des Sauerlandes waren aufgefordert, sich mit Fragen wie „Was macht das Sauerland für mich aus?“, „Wo finde ich es besonders schön oder besonders typisch?“ fotografisch auseinanderzusetzen. Vordergründig war die Fotoaktion zwar als Wettbewerb konzipiert, sie diente aber mehr als Umfrage. Die eingereichten Beiträge zeigten – vermutlich nicht überraschend – weit überwiegend historische Gebäude. So wurde deutlich, dass öffentlich noch klarer zu vermitteln ist, worum es bei Baukultur geht – nämlich, dass ein breites Baukulturverständnis neben dem Umgang mit historischer Bausubstanz und dem baukulturellen Erbe auch das zeitgenössische Bauen, die Freiraum- und Landschaftsgestaltung sowie Planungsprozesse einbeziehen sollte.

Innerhalb des Akteursnetzwerkes bildeten sich Arbeitsgruppen zu den Themen „anregen/sensibilisieren“, „vermitteln“ und „erleben“. Es wurden gute Beispiele für Gebäude und baukulturelle Prozesse gesucht, gefunden und dargestellt. Es ging um „Storytelling“, d. h. um Geschichten, die das Typische einer Bauweise, die Besonderheit einer Landschaft, die Einzigartigkeit eines Ensembles oder die herausragende Bedeutung eines Gebäudes erklären und erläutern. Auch Instrumente zur Vermittlung wurden entwickelt, u. a. eine Baukultur-App, die auf Basis einer Datenbank Informationen zu baukulturellen Themen und Objekten von und für regionale Anbieter zeigt. Den größten Tourismusbezug hatte das Thema „erleben“: In der Arbeitsgruppe wurden touristische Musterprojekte identifiziert und neu entwickelt sowie Informationen dazu aufbereitet.

Werkstoffhaus "Sauerland to go", Deign: Michael Arns, DPMA Design-Nr. 402018202648-0001; Foto: Christoph Meinschäfer Fotografie

Werkstoffhaus „Sauerland to go“, Deign: Michael Arns, DPMA Design-Nr. 402018202648-0001; Foto: Christoph Meinschäfer Fotografie

Aus dem Kernteam heraus wurde eine „Farbpalette des Sauerlandes“ als Collage gestaltet, die u. a. die Farben von Grauwacke, von unbehandeltem Holz und Fachwerk, von Schiefer und vom Grün der Wälder und Wiesen aufgreift. Ebenso entstand ein symbolisches „Werkstoffhaus“ mit einem Sockel aus Grauwacke, einem Eichenholzbaukörper und einem Schieferdach, das von einer Fachwerkbanderole zusammengehalten wird.

All diese Aktivitäten dienten dazu, ein gemeinsames Grundverständnis für die „Baukultur des Sauerlandes“ zu erarbeiten, den Begriff zu erläutern, mit Leben zu füllen und einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. In zahlreichen Vorträgen und Veranstaltungen für unterschiedliche Zielgruppen (Verwaltung, Touristiker, Politik, Handwerk, Gewerbe, Bürgerschaft) sowie mit einer kontinuierlichen Pressearbeit wurden die Erkenntnisse und Aktivitäten des Modellvorhabens kommuniziert.

Eine „Charta“ als Fundament der zukünftigen Arbeit
Zum Abschluss des Modellvorhabens ist nach intensiven Diskussionen untereinander und mit anderen Akteuren der Region eine Charta formuliert worden, die mit zehn Aspekten den Baukulturbegriff in seiner Breite erläutert. Sie beschreibt für alle, die sich dem Thema verpflichtet fühlen und daran weiter arbeiten wollen, einen Grundkonsens und stellt eine freiwillige Selbstverpflichtung dar.

Baukultur ist mehr als ein touristischer Mehrwert
Der Sauerland-Tourismus e. V., in Person seines Geschäftsführers Thomas Weber, war neben dem Initiator Klaus Fröhlich von der Stadt Arnsberg der zweite besonders wichtige Motor des Modellvorhabens. Trotzdem schwang das Thema Tourismus immer nur „mit“ und die Ansprüche und Bedürfnisse der Gäste und Besucherinnen bzw. der touristischen Leistungsanbieter im Sauerland standen bei den Treffen des Akteursnetzwerkes nie allein im Vordergrund.

Imagebild für den Baukultour-Fotowettbewerb im MV Sauerland; Quelle: Soyka/Sauerland-Tourismus e.V.

Imagebild für den Baukultour-Fotowettbewerb im MV Sauerland; Quelle: Soyka/Sauerland-Tourismus e.V.

Die großen Vorbilder für eine erfolgreiche Baukultur und Tourismus-Kooperation – die Region Vorarlberg oder die Gemeinde Vals in Graubünden –, die es geschafft haben, Baukultur bzw. außergewöhnliche Bauten zum Reiseanlass für einen Besuch der Destination werden zu lassen, hatten natürlich auch die Sauerländer vor Augen. So ging es immer auch darum, bauliche und sonstige außergewöhnliche Objekte und Projekte aus Architektur, Landschaft, Kunst etc. zu nutzen, um (über)regionale Strahlkraft zu erzeugen. Denn von diesen gibt es im Sauerland nicht wenige. In den vergangenen Jahren entstanden baukulturell sehr ambitionierte touristische Projekte wie Aussichtstürme, Plattformen, Landschaftsgestaltungen, Hotels oder sonstige Bauwerke; weitere sind geplant. Aber zentral war und ist die Auffassung, den im Sauerland bewährten Gestaltungskanon als touristisches Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten und damit die regionale Identität zu schärfen.

Aus diesem Grund wird derzeit auch keine touristische Baukulturstrategie angestrebt. Es geht dem Sauerland-Tourismus und den anderen Akteuren im Netzwerk nicht darum, Touristen „anzulocken“, sondern darum, bei Bewohnern und Akteuren ein Selbstbewusstsein für die Region zu entwickeln und so die Baukultur insgesamt zu fördern. Dass dies dann auch die Gäste zu schätzen wissen, davon gehen die Netzwerker aus. Zudem werden die positiven Impulse weitere Bereiche wie etwa die Fachkräftesicherung stärken. Baukultur schafft somit einen Mehrwert für die gesamte Region.

Wie geht’s weiter?
Zum Abschluss des Modellvorhabens wurde ein Werkstattbericht veröffentlicht, der die Ziele, die wesentlichen Arbeitsschritte und erprobten Strategien des Modellvorhabens leicht lesbar und übersichtlich zusammenfasst. Er verdeutlicht die unterschiedlichen Annäherungen an das Thema, nennt die Akteure und beschreibt den Prozess. Aber er macht auch Lust auf Beteiligung und Teilhabe, denn die Arbeit des Modellvorhabens Sauerland an „Strategien für Südwestfalen“ soll nicht abgeschlossen sein, sondern nach Beendigung des ExWoSt-Forschungsfeldes „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“ erst richtig starten.

Dazu wird als nächster Schritt im Rahmen des Förderprogramms REGIONALE 2025, die in Südwestfalen stattfinden wird, ein Antrag zur Einrichtung einer Netzwerkstelle gestellt, die die begonnenen Aktivitäten institutionalisiert und in der Region etabliert.

Quintessenz
Eine große Stärke des Modellvorhabens Sauerland war und ist, dass für die Baukultur- und die Regionalentwicklung das Thema Tourismus zwar als sehr wichtig angesehen wurde, aber potenzielle Gäste des Sauerlandes nie allein im Mittelpunkt des Interesses standen. Es wurde immer und ausschließlich an Baukultur für die Region als Ganzes gedacht und gehandelt. Es ging um die Menschen, die im Sauerland leben, arbeiten, investieren oder eben Urlaub machen. Für jeden Einzelnen ist Baukultur – nach Auffassung der Verfasserinnen und Verfasser der „Charta“ – von Bedeutung und alle sollen profitieren.

Basis für diesen Ansatz war das fachlich sehr breit aufgestellte Akteursnetzwerk, das zahlreiche Interessengruppen und Wirtschaftsbereiche abdeckt und die Auffassung vertritt, dass „Sauerland-Baukultur“ der immaterielle Reichtum der Region ist, den es zu schützen, zu bewahren, weiterzuentwickeln und der Öffentlichkeit zu verdeutlichen gilt.

Gute Beispiele aus dem Modellvorhaben Sauerland:


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus der aktuellen Sonderpublikation Baukultur und Tourismus, Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“.

Die komplette Publikation ist als Download-PDF erhältlich oder als Printversion zu bestellen bei: christoph.vennemann@bbr.bund.de, Stichwort: Baukultur und Tourismus.


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