Modellvorhaben Südschwarzwald

Tradition und Moderne unter „einem Dach“

Der klassische Schwarzwaldhof steht für eine Zeit, in der der Alltag nicht immer heil, aber überschaubar war. Die Bilder der Höfe und Dörfer inmitten einer imposanten Mittelgebirgslandschaft haben sich in den Köpfen von Generationen verankert, machen den Südschwarzwald weltweit zu einem bebilderten Sehnsuchtsort. Für die Region eine Herausforderung. Es gilt, ein touristisches Image zu bewahren, ohne zu verkitschen und den Anschluss an die Architektursprache von heute zu verlieren. Das Modellvorhaben hat das Thema beharrlich in einen breiten interdisziplinären Austausch gebracht. Mit Erfolg: Beratungsangebote, Wettbewerbe, Best-Practice-Broschüren und zukünftig die Institution „bauWERK“ bauen Brücken in die Moderne. Den besonderen Genius Loci des Südschwarzwalds wird dies nicht schwächen, sondern stärken.

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Südschwarzwald in Baden-Württemberg; Quelle: büroG29

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Südschwarzwald in Baden-Württemberg; Quelle: büroG29

Kuckucksuhr und Bollenhut – hat der Schwarzwald noch mehr zu bieten?
Ja, natürlich: Der Schwarzwälder Schinken oder die Schwarzwälder Kirschtorte gehören auch dazu. Nicht zuletzt diese geläufigen Markenbegriffe stehen dafür, dass der Südschwarzwald ein weltweit bekannter, bebilderter Sehnsuchtsort ist. Die Pflege seiner Dörfer und der imposanten Mittelgebirgslandschaft ist somit unmittelbar mit der touristischen und damit auch der wirtschaftlichen Entwicklung der Region verbunden. Wichtig dabei erscheint die adäquate baukulturelle Weiterentwicklung der spezifischen Südschwarzwälder Bauformen und Dorfstrukturen – und zwar jenseits aller Kitschromantik.

Neben dem Erhalt des baukulturellen Erbes des Schwarzwaldhauses geht es also um eine der Region angepasste Neuinterpretation dieser klassischen Gebäudetypologie für zeitgemäße Nutzungen. Ebenso ist es dringend notwendig, dass Gaststätten und Hotels ihr in die Jahre gekommenes Angebot aktualisieren. Dabei gilt es, die Erwartungen der Zielgruppe nationaler wie internationaler Besucher an eine attraktive und einmalige  Urlaubsregion auf hohem Niveau zu erfüllen.

Dachöffnung im historischen Dachstuhl, "Hotel Rainhof Scheune", Kirchzarten; Quelle: Leicher/COMPASS

Dachöffnung im historischen Dachstuhl, „Hotel Rainhof Scheune“, Kirchzarten; Quelle: Leicher/COMPASS

Das Zusammenspiel von regionaler Baukultur und Tourismusentwicklung bietet das Potenzial, in beiden Themenbereichen Verbesserungen im Sinne einer zukunftsfähigen Regionalentwicklung herbeizuführen und gleichzeitig das touristische Profil des Südschwarzwaldes zu schärfen. Regionale Baukultur bedeutet dabei für Bewohner und Besucher gleichermaßen, durch die Bewahrung des baulichen Erbes sowie durch moderne, dem Ort angepasste Neugestaltung dem Lebensumfeld sowie dem Freizeit- und Urlaubsort unverwechselbare Identität zu verleihen.

 

 


Ziele des Modellvorhabens:

  • Die regionale Authentizität im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne zeitgemäß weiterentwickeln
  • Mit regionaler Baukultur die Identität stärken und zur Weiterentwicklung des kulturellen Erbes beitragen
  • Mit Beratungsangeboten sowohl Bauherren als auch touristische Betriebe unterstützen
  • Alle Aktivitäten in der Region auf einer Plattform für Baukultur bündeln: Kompetenzzentrum „bauWERK“ SCHWARZWALD

Spabereich "Hotel Rainhof Scheune", Kirchzarten; Quelle: Pflüger/HJPplaner

Spabereich „Hotel Rainhof Scheune“, Kirchzarten; Quelle: Pflüger/HJPplaner

Kein Start bei Null dank hilfreicher Vorarbeit
Der Weg, durch eine Qualitäts- und Beratungsoffensive in die Zukunft zu starten, hat zu Beginn des neuen Jahrtausends begonnen, als es der  Tourismusbranche im Schwarzwald deutlich schlechter ging als heute. Der damalige Regierungspräsident brachte wichtige Akteure des Tourismus und der Architektenschaft zusammen und startete 2009 gemeinsam mit der  Architektenkammer Baden-Württemberg im Bezirk Freiburg die Initiative „Baukultur Schwarzwald – Neues Bauen im Schwarzwald“. Mit dem Auszeichnungsverfahren „Architekturpreis 2010“ sind gute Beispiele aus den Bereichen Städtebau, Siedlungsentwicklung, öffentliche Einrichtungen, Tourismus, Landwirtschaft, Wohnen, Gewerbe und Industrie zusammengetragen und in einer Broschüre veröffentlicht worden. Seither wird der Preis regelmäßig ausgelobt.

Eine neue Architektursprache als Brücke in die Zukunft
Was wäre der Schwarzwald ohne die typischen Schwarzwaldhöfe? Sie liegen landschaftlich freistehend und imposant oder auch in Ortslagen integriert, sind für Bewohner und Touristen gleichermaßen identitätsstiftend und Inbegriff einer über Jahrhunderte gewachsenen Architektursprache und Bautradition. Doch der Strukturwandel in der  Landwirtschaft hält Einzug, die demografischen Entwicklungen tun ihr Übriges: Traditionelle Höfe fallen aus der Nutzung, stehen leer und sind dem Verfall preisgegeben. Neue landwirtschaftliche Nutzungs- und Wirtschaftsformen erfordern neue Gebäude und neue Infrastrukturen. Die Dimension der Gebäude, die spezifischen Eigenschaften und die denkmalrechtlichen Anforderungen stellen hohe Anforderungen an die Um- bzw. Weiternutzung.

Eine Bestandsaufnahme im Rahmen des ExWoSt-Forschungsfeldes hat einen Überblick über den noch verbleibenden Bestand an historischen Schwarzwaldhöfen verschafft – sowohl über freistehende Höfe als auch über ortsbildprägende Gebäude in Siedlungslagen. Auf Basis dieser Daten wurden mit Vertretern aus Landwirtschaft, Bau und Denkmalschutz weitere Schritte in den Blick genommen – ein spannendes Handlungsfeld, das die Arbeit der baukulturellen Weiterentwicklung in Zukunft wesentlich mitprägen wird.

Den Akteuren vor Ort war klar: Dieses kulturelle Erbe zu bewahren ist von zentraler Bedeutung. Es wird aber nur dann gelingen, wenn sich über den konservatorischen Erhalt hinaus gleichzeitig eine neue Architektursprache des Schwarzwalds mit regional angepassten Bautypologien entwickelt, die es schafft, die Historie in die Moderne zu überführen.

Historisches Gebäude und Holzneubau "Hotel Breggers Schwanen", Bernau im Schwarzwald; Quelle: Pflüger/HJPplaner

Historisches Gebäude und Holzneubau „Hotel Breggers Schwanen“, Bernau im Schwarzwald; Quelle: Pflüger/HJPplaner

Bedarfsgerechtes Beratungsangebot verstetigen
Die Gäste im Schwarzwald kommen während ihres Aufenthaltes mit einer Vielzahl von Einzelunternehmern in Kontakt. Ob Gastwirt, Hotelier oder Vermieter einer Ferienwohnung: Sie alle prägen mit ihren Angeboten das Bild einer Region. Umso wichtiger, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und über aktuelle Trends, Qualitäten und neue Perspektiven zu reden. Das im Südschwarzwald als Gastgeber-Beratungsangebot begonnene Gastronomie-Coaching trifft in diesem Zusammenhang den Nerv der Zeit.

Interessierte Gastgeber hatten zum Beispiel im Rahmen einer eintägigen Exkursion die Möglichkeit, drei beispielhafte Neu- und Umbauten von Hotel- und Gastronomiebetrieben im Naturpark Südschwarzwald zu besichtigen und gemeinsam in den Austausch über qualitätsvolle und zukunftsfähige Angebote zu kommen. Ein Seminar für Gastgeber (Hoteliers, Gastronomen, Besitzer von Ferienwohnungen, Pensionen etc.) bezüglich der Gestaltung in und um ihren Gewerbebetrieb vertiefte das Beratungsangebot. Die Formate „Exkursion“ und „Seminar“ werden, nicht zuletzt aufgrund des guten Zuspruchs in der ersten Runde, zukünftig weitergeführt. Der Zuspruch ist auch deshalb hoch, weil im Schwarzwald, wie in vielen anderen touristischen Destinationen Deutschlands, ein umfänglicher Generations- und Eigentümerwechsel ansteht. Diese neuen Akteure gilt es zukünftig zu unterstützen und zu beraten.

Im Juni 2019 kam das Gastgeber-Magazin heraus. Das Magazin hat das Thema Baukultur und Tourismus umfänglich aufgearbeitet und mit Best-Practice-Beispielen für baukulturell-touristische Projekte bei Bewohnern, Gästen und insbesondere Gastgebern geworben. Das Heft war und ist eine Motivationshilfe für die vielen Betriebsinhaber, die zukunftsfeste Investitionsentscheidungen treffen wollen.

Lasst uns über Gestaltung reden!
Gestaltungsbeiräte sind ein bewährtes baukulturelles Instrumentarium. Deshalb ist im Rahmen des Modellvorhabens die „Gestaltungsberatung des Naturparks Südschwarzwald“ institutionalisiert worden. Sie hat das Ziel, die Gestaltungsqualität kommunaler, gewerblicher und touristischer Neu- und Umbauten zu erhöhen. Das eingerichtete Kuratorium „Gestaltungsberatung im Naturpark Südschwarzwald“ hat potenzielle  Gestaltungsberater angesprochen und im Sommer 2018 eine Schulung für Gestaltungsberater durchgeführt. Die Gestaltungsberatung in Form der Gestaltungskommission hat sich etabliert und die Arbeit der Projektstelle „Gestaltungsberatung und Gestaltungskommission“ wurde gefestigt. Zusätzliche Projektgelder konnten für den werbewirksamen Kurzfilm „Regionale Architektur im Schwarzwald“ eingeworben werden. Ein besonders motivierendes Format war ein „Pecha-Kucha-Abend“ mit den Gestaltungsberatern zum Thema „Regionale Architektur im Schwarzwald“, bei dem in einer begrenzten Zeit kurzweilige Präsentationen geboten wurden.

Gästezimmer "Hotel Rainhof Scheune", Kirchzarten; Quelle: Leicher/COMPASS

Gästezimmer „Hotel Rainhof Scheune“, Kirchzarten; Quelle: Leicher/COMPASS

Die Erfahrungen mit der Gestaltungsberatung vor Ort machen Mut. So können Bauherren qualifiziert beraten und Wettbewerbsverfahren für Einzelbauherren (z. B. Hoteliers) bzw. Vereine (z. B. Bergwacht Schwarzwald) angeregt werden. Das Angebot rund um Themen der Architektur und Gestaltung wird rege nachgefragt, ist aber kein Selbstläufer. Eine solche Beratung muss bei der öffentlichen Hand und privaten Bauherrschaft aktiv beworben und niederschwellig angeboten werden. Die Sensibilisierung für Gestaltungsfragen braucht Ausdauer und Beharrlichkeit. Ohne die institutionelle Verankerung und die Ausstattung mit personellen und finanziellen Ressourcen gelingt dies nicht.

Ein „bauWERK SCHWARZWALD“ entsteht
Zentrales Anliegen des über Jahre gewachsenen Netzwerks von Vertretern aus Architektur, Landschaftsplanung, Handwerk, Design, Regionalentwicklung, Tourismus, Bildung und Kultur ist es, eine Plattform bereitzustellen, die die Schwarzwälder Baukultur, das Handwerk und Design zusammenführt. Es geht darum, bauschaffende und gestaltende Akteure zusammenzubringen, sich auszutauschen, neue Kooperationen zu bilden und Impulse für den Erhalt der Schwarzwälder Bau- und Handwerkskultur zu geben.

Eine Projektgruppe „Schwarzwald_Institut“, später umbenannt in „bauWERK SCHWARZWALD“, erarbeitete gemeinsam mit den regionalen Akteuren eine Gründungskonzeption. Die Gründung eines Trägervereins ist in konkreter Vorbereitung. Das bauWERK wird als Wissensspeicher und Impulsgeber nachhaltig in der Region und über sie hinaus wirken. Es ist geplant, die Institution als Kompetenzzentrum für die Baukultur und das Handwerk an einem geeigneten Ort im Schwarzwald zu eröffnen und zu betreiben.

Motor Naturpark Südschwarzwald
Erfolgreich sein konnte das Modellvorhaben Südschwarzwald nur durch eine konsequente Netzwerkarbeit. Für das Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“ haben sich der Naturpark Südschwarzwald, die Architektenkammer Baden-Württemberg – Kammerbezirk Freiburg/Südbaden, und die Schwarzwald Tourismus GmbH zusammengeschlossen. Überzeugt davon, dass Baukultur und Tourismus in direktem Bezug zueinander stehen und sich gegenseitig positiv beeinflussen können, wurde zum einen das touristische Profil der Region gestärkt und zum anderen das Anliegen der regionalen Baukultur in vielfacher Weise vor Ort verankert.

Wandverkleidung aus Holzscheiben; Quelle: Leicher/COMPASS

Wandverkleidung aus Holzscheiben; Quelle: Leicher/COMPASS

Die Fäden liefen am höchsten Punkt des Schwarzwalds, auf dem Feldberg, beim Naturpark Südschwarzwald zusammen. Die beharrliche koordinierende und federführende Arbeit der engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturparks Südschwarzwald war ein wesentlicher Schlüssel dafür, den Schwarzwald zu einer Baukultur- und Tourismusregion zu machen.

 

 

Quintessenz
Im Rahmen des Modellvorhabens ist die bereits vor Jahren begonnene Zusammenarbeit der Baukultur- und Tourismus-Akteure in eine  koordinierte und nachhaltige Struktur überführt worden. Mit den Bausteinen „Erfassung der Schwarzwaldhöfe“, „Gestaltungsberatung“, „Gastronomie-Coaching“ sowie „Netzwerkarbeit“ wurde das Thema „Baukultur und Tourismus“ in der Region breit verankert. Darüber hinaus wird mit dem „bauWERK SCHWARZWALD“ ein Kompetenzzentrum für die Baukultur und das Handwerk im Schwarzwald entstehen. Es dient als offene Anlaufstelle für Fachleute und alle Interessierten der Handwerks-, Bau- und Wohnkultur im Schwarzwald.

Gute Beispiele aus dem Modellvorhaben Südschwarzwald:

 


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus der aktuellen Sonderpublikation Baukultur und Tourismus, Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“.

Die komplette Publikation ist als Download-PDF erhältlich oder als Printversion zu bestellen bei: christoph.vennemann@bbr.bund.de, Stichwort: Baukultur und Tourismus.


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