Modellvorhaben Uckermark-Barnim

Baukultur macht „standorttreu“

Tausende Kraniche machen jedes Jahr Station im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Doch stets tickt die Uhr, das Naturwunder Vogelzug kennt kein Bleiben. Überzeugt standorttreu dagegen sind die meisten Menschen der Region Uckermark-Barnim. Sie schätzen das naturnahe Umfeld, genießen das Gefühl „der guten alten Zeit“, das die Orte oft noch ausstrahlen. Im Modellvorhaben wurde jedoch weniger zurück als nach vorn geschaut. Gesucht wurde nach Wegen, die gewachsene Kulturlandschaft mit ihren besonderen Feld- und Ziegelsteinbauten zu erhalten und mit Offenheit für Zeitgemäßes weiterzuentwickeln. Ein Prozess, der natürlich in einem Biosphärenreservat zugleich darauf abzielt, Tagestouristen und Urlaubern ein unverwechselbares Reiseerlebnis zu vermitteln – auch an Tagen ohne Kraniche …

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Uckermark-Barnim in Brandenburg; Quelle: büroG29

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung des MV Uckermark-Barnim in Brandenburg; Quelle: büroG29

Uckermark und Barnim: Kein Freiluftmuseum, keine stehengebliebene Idylle
Die Uckermark liegt zusammen mit dem Barnim direkt vor den Toren Berlins und ist für viele Hauptstädter ein beliebtes Naherholungsziel. In die naturnahen Landschaften des UNESCO-Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin eingebettet liegen Dörfer und Kleinstädte wie „aus der guten alten Zeit“: Hier gibt es noch den grünen Anger, den Dorfteich und das Feuerwehrhäuschen, das Pfarrhaus, den Gutshof und die Schule sowie seit Jahrhunderten den bäuerlichen Drei- oder Vierseithof mit den typischen Mittelflurhäusern aus Fachwerk. Zusammen mit einigen baukulturellen und touristischen Highlights, wie dem Schiffshebewerk Niederfinow oder dem Kloster Chorin, bilden sie die Kulisse für ein authentisches und harmonisches Erholungs- bzw. Urlaubserlebnis. Viele Gäste kommen zwar wegen der Natur, aber erst durch die in harmonisch eingebundenen Dörfern erlebte stilvolle Gastronomie oder Beherbergung wird das Naturerlebnis zu einem Reiseerlebnis.

Allein das Biosphärenreservat verzeichnet jährlich rund zwei Millionen Besucher; etwa 70 Prozent davon sind Tagesgäste, überwiegend aus Berlin.  Viele dieser Berliner Besucher entscheiden sich später für die Region als Wohnstandort. Nicht selten bringen sie dabei ihre Ansprüche an Wohn- und Infrastruktur mit, gleichzeitig aber auch frische Ideen und neue Impulse. Neben den neu zuziehenden Bewohnern spielen die Rückkehrer eine wichtige Rolle bei der perspektivischen Weiterentwicklung. Mit ihren Erfahrungen „aus der Fremde“ sowie ihren emotionalen Bindungen zur Heimat können sie wichtige Beiträge zur Regionalentwicklung leisten.

Gartenterrasse im teilsanierten "Gutshaus Friedenfelde", Gerswalde; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Gartenterrasse im teilsanierten „Gutshaus Friedenfelde“, Gerswalde; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille, die im Modellvorhaben ebenfalls offen diskutiert wurde: Kleine Dorfgemeinschaften und bauliche Ensembles – wie Groß Dölln, Beversee oder Groß Väter – werden durch die zunehmende Vermarktung schnell überfordert oder sogar übernutzt. Viele Hausbesitzer oder Dorfbewohner möchten sich nicht wie in einem Freiluftmuseum ausgestellt fühlen. Die Gefahr, dass letzten Endes die Kleinode und Geheimtipps durch den Anstieg der Touristenzahlen verschwinden, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Herausforderung für eine zukunftsfähige Entwicklung ist also: Wie kann der Charme der Dörfer und Landschaften bewahrt werden, aber trotzdem Neues entstehen?

 

 


Ziele des Modellvorhabens:

  • Über ein Leitbild für die eigene regionale Baukultur sensibilisieren
  • Instrumente zur Verbesserung der Baukultur kommunizieren und erproben – nicht nur im touristischen Bereich
  • Lebensqualität und Wertschöpfung steigern durch die Synergien von Baukultur und Tourismus


Der lange Weg zu einem baukulturell-touristischen Leitbild

Dass die Verknüpfung der Themen Baukultur und Tourismus gerade in einem Biosphärenreservat ein wichtiges Element zum Erhalt der Kulturlandschaft ist, wollten Petra Buchholz vom Landkreis Uckermark und Uwe Graumann vom Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin als Initiatoren und Treiber im Modellvorhaben Uckermark-Barnim unter Beweis stellen. Maßnahmen, die zum Erhalt von wertvoller Bausubstanz beitragen, schienen ihnen da natürlich am naheliegendsten. Doch was genau ist baukulturell wertvoll? Und was regionaltypisch? Welche Kubaturen, welche Stilelemente, welche Materialien kommen aus der Region? Welche Bauten aus der jüngeren Vergangenheit, also der DDR-Zeit, sind regionaltypisch?  Und sind sie erhaltenswert? Diese und ähnliche Fragen standen zu Beginn der Arbeit im Modellvorhaben lange Zeit im Mittelpunkt und es bedurfte einer grundlegenden Klärung, um weiterzukommen. Dabei sollten ursprünglich „einfach nur“ die vorhandenen Leitbilder der Kommunen, Körperschaften und des Biosphärenreservates in einem neuen Leitbild zusammengeführt werden, mit einem Fokus auf den Synergien zwischen Baukultur und Tourismus. Aber ein Leitbild, das „von oben“ entwickelt wird, hat schlechte Chancen von der Öffentlichkeit und privaten Bauherren akzeptiert zu werden. Wer darüber hinaus für das regionaltypische zeitgenössische Bauen sensibilisieren will, muss auch die Dörfer und Gemeinden involvieren. Dasselbe gilt, wenn die touristische Vermarktung des Themas Baukultur vermehrt zur Wertschöpfung  beitragen soll.

Hof- und Gartenanlage im ehemaligen gotischen Kloster Chorin, Chorin; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Hof- und Gartenanlage im ehemaligen gotischen Kloster Chorin, Chorin; Quelle: Hörmann/HJPplaner

So wurde der Leitbildprozess prägend für die Projektlaufzeit und ermöglichte eine intensive Auseinandersetzung mit den Kriterien für regionaltypisches Bauen und die daraus abzuleitende Tourismusrelevanz von Baukultur im Biosphärenreservat. Der Diskurs wurde breit und durchaus kontrovers geführt – immer wieder motiviert und angestoßen durch Petra Buchholz als „Kümmerin“. Unterschiedlichste administrative, touristische und wissenschaftliche Akteure der Region brachten sich aktiv ein. Das Leitbild ist das Ergebnis – oder mehr noch die Essenz – aus diesen vielen verschiedenen Positionen und Inputs. Mit ihm liegt erstmals ein Dokument vor, das die wesentlichen Grundsätze und Ziele aus den Bereichen Baukultur und Tourismus zusammenführt. Es ist eine Vision für die baukulturelle Identität der Region Uckermark-Barnim und kann als Orientierung für alle künftigen Aktivitäten dienen.

Bottom-up statt top-down
Eine wichtige Erkenntnis aus dem Leitbildprozess war, dass Baukultur nur dann in der Region „ankommen“ wird, wenn sie gelebt und wenn das Verständnis für eine regionale Bauweise in der Bevölkerung ankommt und es „in die Fläche“ gebracht wird. Das leitete über zur Frage, wie sich diese Ziele erreichen lassen.

Für die Einheimischen sind (Dorf-) Feste und feierliche Anlässe ein bewährtes Mittel, um auf Erfolge und das damit verbundene Anliegen hinzuweisen und um gemeinsame Erlebnisse zu schaffen, die sich im Bewusstsein verankern. Unter dem Thema „Entdecken, was uns verbindet“ wurden im Modellvorhaben verschiedene Formate genutzt, um das Thema Baukultur in die Gemeinden zu tragen und zu „feiern“. Dazu zählten beispielsweise der Tag des offenen Denkmals, die Messe BarnimBau, der Baukulturtag, der Aktionstag des Biosphärenreservats zum Thema Baukultur oder Bauherrenwettbewerbe. Denn nicht nur für die Touristen, auch für die Bewohner ist ein intaktes, regionaltypisches Umfeld ein wichtiger Standortfaktor. Und überspitzt formuliert: Jeder Dorfbewohner ist zugleich ein touristischer Leistungsträger, der einen hohen Anteil am touristischen Gesamterlebnis hat.

Badesteg "Waldseehotel Frenz" am Amtsee, Chorin; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Badesteg „Waldseehotel Frenz“ am Amtsee, Chorin; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Neben einer bürgernahen Öffentlichkeitsarbeit ist die offensive Präsentation guter Beispiele eine zielführende Methode. Besonders die Tourismusakteure brauchen nicht nur Sensibilisierung, sondern etwas Konkretes zum „Anfassen“: Sie benötigen Vorbilder des Zusammenspiels von Tourismus und Baukultur, Muster von ganzheitlichen Konzepten (beispielsweise Unterkunft, Gastronomie und Erlebnisorientierung in einem Angebot) und Informationen über eine zeitgemäße Beherbergungsarchitektur. Während der Projektlaufzeit wurde deshalb eine Liste mit guten Beispielen aus der Region erstellt, die online abrufbar ist und zukünftig in weitere Webseiten integriert wird.

Auch für die Gruppe der Bauwilligen, die ebenfalls als Baukulturakteure bezeichnet werden können, sind gute Beispiele hilfreich. Im Idealfall wird so schon bei der Konzeption die Einbindung in das Orts- und Landschaftsbild und das touristische Umfeld berücksichtigt. Um diesen Prozess zu unterstützen, wurde im Modellvorhaben die Broschüre „Regionaltypisches Bauen und Sanieren“ entwickelt. Sie ist ein Instrument, das in übersichtlicher und illustrierter Weise die regionale Baukultur aufzeigt und den Bauherren praxisnahe Gründe liefert, sich für regionaltypische Materialien und Bauweisen zu entscheiden. Durch die Onlineverfügbarkeit der Broschüre und die Auslage in den Kommunalverwaltungen erreicht die Publikation die Zielgruppe der Bauwilligen ebenso wie die genehmigenden Behörden selbst. Denn auch die Kommunen tun gut daran, die Aufenthaltsqualität an zentralen Orten und Plätzen zu pflegen bzw. zu steigern – sind diese doch oft zugleich Treffpunkte für Touristen wie Einheimische und damit wichtige Imageträger.

Durchblick durch ehemaliges Stadttor, Angermünde; Quelle: Leicher/COMPASS

Durchblick durch ehemaliges Stadttor, Angermünde; Quelle: Leicher/COMPASS

Für die Zukunft ist die Entwicklung von Gestaltungssatzungen angedacht. Erste praktische Erkenntnisse können aus dem Orientierungsrahmen „Leitlinien für die bauliche Gestaltung in kleinen Ortschaften“ gezogen werden, die im Auftrag des Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg und der brandenburgischen Architektenkammer erarbeitet worden sind.

 

 

Der Ball rollt weiter!
Die Fokussierung auf das Thema Baukultur hat dazu geführt, dass in den Landkreisen Barnim und Uckermark in Kooperation mit den an der Steuerungsgruppe beteiligten Institutionen diverse Folgeprojekte und -initiativen entstanden. Sie garantieren, dass das Thema weiterverfolgt wird. Zudem fand die Baukultur Eingang in diverse übergeordnete Planungen, wie etwa in das Leitbild der Regionalen Planungsgemeinschaft Uckermark-Barnim und in den Moderationsprozess Tourismusentwicklung im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.

Stadtplatz mit Rathaus, Angermünde; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Stadtplatz mit Rathaus, Angermünde; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Der Ball rollt also weiter. Das ist notwendig, denn das Thema Kommunikation bleibt ebenso bestehen wie das Problem, dass private Bauherren schwer zu erreichen sind – obwohl einige der ausprobierten Ansätze erfolgversprechend sind. So ist weiterhin eine Onlineplattform in der Diskussion, die zum Kauf stehende Häuser und Grundstücke auflistet und über regionaltypische Bauweise, verfügbare Gestaltungssatzungen und ein Händler- und Handwerkernetzwerk informiert, das traditionelle Materialien und Techniken einbringen kann. Wichtig ist in diesem Kontext zu zeigen: Regionaltypisches Bauen muss nicht teuer sein!

Quintessenz
Das persönliche Engagement der Vertreterinnen und Vertreter der Landkreise und des Biosphärenreservats sowie das Zusammenspiel der Steuerungsrunde haben das Projekt geprägt. Gemeinsam an greifbaren Outputs zu arbeiten und diese zu reflektieren haben das Modellvorhaben am stärksten vorangebracht. Die Entwicklung im Modellvorhaben wurde „von unten“ getragen und „nach oben“ weitergereicht – mit dem Resultat, dass „Baukultur und Tourismus“ zu einem breiten Thema in der Region wurde. Das unterstreicht eine Haupterkenntnis des Forschungsfeldes: Ein möglichst breit aufgestelltes Netzwerk ist die treibende Kraft für alle Bestrebungen in einer Region und sichert zudem die nachhaltige Fortsetzung der thematischen Arbeit über die Projektlaufzeit hinaus.

Gute Beispiele aus dem Modellvorhaben Uckermark-Barnim:

 


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus der aktuellen Sonderpublikation Baukultur und Tourismus, Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“.

Die komplette Publikation ist als Download-PDF erhältlich oder als Printversion zu bestellen bei: christoph.vennemann@bbr.bund.de, Stichwort: Baukultur und Tourismus.


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