Modellvorhaben Weißwasser/Muskauer Faltenbogen

Wertschöpfendes Comeback der Architekturmoderne

Scherben bringen Glück, heißt es. Danach sah es jedoch in der ehemaligen Glasregion um Weißwasser lange Zeit nicht aus. Mit dem Niedergang der Industrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die meisten baulichen Zeugnisse der industriellen Glasproduktion dem Verfall preisgegeben. Der Gedanke, dass eine Lagerhalle wie der „Neufert-Bau“ genau wie ein Schloss Touristen anlocken könnte, lag im Lausitzer Neißeland noch in weiter Ferne. Ganz nah dagegen wartete mit dem Geopark Muskauer Faltenbogen ein erfahrener, internationaler Partner. Kooperierend und offen für gute Beispiele anderer Industrieregionen brachten die Akteure in und um Weißwasser einiges ins Rollen. Ein neues Lebensgefühl bricht sich zunehmend Bahn, macht die Stadt attraktiv für Bewohner und Touristen.

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung MV Weißwasser/Muskauer Faltenbogen in Sachsen; Quelle: büroG29

Deutschlandkarte mit Kennzeichnung MV Weißwasser/Muskauer Faltenbogen in Sachsen; Quelle: büroG29

Im Eiltempo vom Heidedorf zur internationalen Glasmetropole
Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war Weißwasser in der Oberlausitz ein kleines Heidedorf im Muskauer Faltenbogen. Erst die Entscheidung, die Bahnstrecke Berlin–Görlitz durch Weißwasser zu führen, ließ den Ort förmlich explodieren. Grundlage für das industrielle Wachstum waren zunächst die hier vorkommenden Rohstoffe für die Glas- und Ziegelproduktion, eng verknüpft mit der Landschaft des heutigen binationalen UNESCO Global Geoparks Muskauer Faltenbogen (Deutschland– Polen).

Elf Glashütten wurden zwischen 1872 und 1903 gegründet. In den 1920er und 1930er Jahren gelangte Weißwasser so zu wirtschaftlicher Größe und wurde attraktiv für einige bedeutende Persönlichkeiten dieser Zeit, wie beispielsweise Professor Wilhelm Wagenfeld. Der als Designer einer „Bauhaus-Leuchte“ bekannt gewordene Wagenfeld arbeitete als künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG). Einer seiner Kollegen war der Bauhausschüler Ernst Neufert, der später mit seiner „Bauentwurfslehre“ weltweite Bekanntheit erlangte. Gleichzeitig mit der ersten Auflage dieses Hauptnachschlagewerkes für Architekten entstand 1936 ein Glaslager – in Weißwasser nur „der Neufert-Bau“ genannt – aus seiner Hand. Als Zeugnis des rationalen, normierten Industriebaus besitzt der Neufert-Bau einen hohen Denkmalwert. Er ist weitgehend original erhalten, doch derzeit eine baufällige Ruine. Und „schön“ im allgemeinen Verständnis ist er sowieso nicht.

Eingangshof "Schloss Muskau", Bad Muskau; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Eingangshof „Schloss Muskau“, Bad Muskau; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Heute steht das Lager ebenso leer wie das Volkshaus, die Glasfachschule, der Bahnhof und Teile des stadtraumprägenden TELUX-Osram-Altwerkes, in dem viele Jahre lang Leuchtmittel produziert wurden. Über die Jahrzehnte ist jedoch die Erinnerung an die Tradition der Glasmacherstadt verblasst und bis auf ein Glaswerk blieb nichts mehr von der Glasindustrie. Weißwasser hat sich von einer Glasmacherin eine Braunkohlestadt gewandelt. Im Südwesten grenzt der 1968 aufgeschlossene Tagebau Nochten direkt an die Stadt. Seit der Wende haben mehr als die Hälfte der Einwohner Weißwasser verlassen. Jetzt steht die Energiewirtschaft vor einem großen Strukturwandel und damit bricht wieder ein wichtiger Identifikationsfaktor der Stadt weg.


Ziele des Modellvorhabens:

  • Baukulturelle und touristische Potenziale aus der (Industrie-) Historie  der Region erkennen und weiterentwickeln
  • Bevölkerung und Akteure für den baukulturellen Wert dieser Potenziale sensibilisieren
  • Erarbeiten einer Baukultur und Tourismusstrategie
  • Mit einem internationalen Ansatz die Übertragbarkeit auf vergleichbare Regionen ermöglichen


Baukultur und Tourismus als Hoffnungsträger

Die industrielle Baukultur mit dem Tourismus vor Ort zu verknüpfen, wäre doch vielleicht eine gute Idee, einen neuen Weg einzuschlagen. Das dachten jedenfalls Dr. Lars Scharnholz und Heidi Pinkepank vom Institut für Neue Industriekultur (INIK) in Cottbus. Doch war dafür zunächst herauszufinden, welches touristische Potenzial in den Zeugen der Vergangenheit schlummert und wie die regionale Baukultur ein Fundament für einen qualitätsvollen Tourismus sein kann. Für die von der Nachfolgeindustrie der Braunkohleförderung und -verstromung geprägte Region eine zunächst sehr akademische und abstrakte Fragestellung. Tourismus war für die Menschen in Weißwasser bisher keine Option. Deshalb war vollkommen unklar, wie ausgerechnet die alten Gebäude, Ruinen und Industriebrachen Gäste „anlocken“ sollten. Der Tourismus in der Region fand bislang überwiegend in Schloss- und Parkanlagen, etwa in denen von Bad Muskau, Königshain oder Krobnitz, statt.

Fotoinstallation auf Fassade des Neufert-Baus, Weißwasser/O.L.; Quelle: Hörmann/HJPplamer

Fotoinstallation auf Fassade des Neufert-Baus, Weißwasser/O.L.; Quelle: Hörmann/HJPplaner

Torsten Pötzsch, Oberbürgermeister von Weißwasser, fand den Ansatz jedoch spannend. In der Folgezeit setzte er alles daran, möglichst viele Akteure in der Region zu überzeugen, dass der Tourismus Schwungrad und Katalysator für die Entwicklung und Nachnutzung der leer stehenden Bauten der Industriekultur sein könnte. Andersherum betrachtet, könnte aber auch die Baukultur die Tourismusentwicklung fördern, wenn sie als Marke und Alleinstellungsmerkmal verstanden wird. Im deutsch-polnischen UNESCO Global Geopark Muskauer Faltenbogen stießen diese Überlegungen auf offene Ohren – und vor allem auf eine bereits vorhandene Struktur. Die folgende inhaltliche wie personelle Einbindung des Geoparks und die damit verbundene Verflechtung von erdgeschichtlichen und industriegeschichtlichen Dimensionen war ein entscheidender Impuls für das Modellvorhaben.

Mit geeinten Kräften wurden die Ziele des Modellvorhabens in Angriff genommen: Durch eine intensive Kommunikation nach innen und außen, die beispielhafte Erprobung touristischer Vermittlungsmethoden sowie die abschließende Erarbeitung einer Baukultur- und Tourismusstrategie sollte die regionale Baukultur zu einem touristischen Produkt für das Stadt- und Standortmarketing entwickelt werden. Die wirtschaftliche gewerbliche Nutzung von Gebäuden und damit die Wirtschaftsansiedlung und Fachkräftesicherung sollte hierbei weiterhin im Vordergrund stehen, der Tourismus in diesem Fall als Marketing- und Wirtschaftsförderungsinstrument genutzt werden.

Identifizieren, bewusst machen, vermitteln
Um die Besonderheiten der regionstypischen Bauweisen bewusst zu machen, wurden im Modellvorhaben potenziell interessante Bauten identifiziert und in Form von Steckbriefen erfasst. Diese Datensammlung diente als Grundlage für Broschüren, Karten und Webseiten sowie für eine Wanderausstellung und für Gästeführungen.

Es blieb die Frage: Wie sind die Menschen vor Ort zu erreichen? Zumal für viele Einheimische die Identifikation mit den Bauten der Industriemoderne teilweise schwierig und sogar schmerzlich ist – ein Umstand, der zu Beginn des Vorhabens nicht unbedingt berücksichtigt wurde. Häufig gibt es noch negative Erinnerungen an und negative Assoziationen mit Industriebauten, die sich jedoch bei entsprechender Nachnutzung wandeln könnten. Bestes Beispiel hierfür ist der teilweise Umbau des TELUX-Geländes in das Soziokulturelle Zentrum (SKZ) mit der „Hafenstube“, in der seither zahlreiche kulturelle Veranstaltungen stattfinden.

Es war also eine gehörige Portion Kreativität gefragt, um das Thema Baukultur und Tourismus mit dem Lebensalltag der Menschen zu verknüpfen, beispielsweise durch Anekdoten oder den Bezug zu Alltagsprodukten. Für die Bewohner vor Ort und gleichfalls für Gäste dachte sich die Gruppe um Pötzsch, Scharnholz und Pinkepank – unterstützt von Christine Lehmann, der neuen Leiterin des Glasmuseums in Weißwasser – eine Reihe von sehr kreativ umgesetzten Kulturformaten aus.

Das „Masz“ aller Dinge: Ein neues Lebensgefühl

Landschaftsformation mit See, Wald und Felsen im UNESCO Global Geopark Muskauer Faltenbogen; Quelle: Torsten Pötzsch

Landschaftsformation mit See, Wald und Felsen im UNESCO Global Geopark Muskauer Faltenbogen; Quelle: Torsten Pötzsch

Im Rahmen des Projektes „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“ (das Masz leitet sich von Neuferts Bauentwurfslehre ab) fanden eine Reihe performativer Veranstaltungen statt. Am eindrucksvollsten sicherlich der Auftritt zweier Schauspieler, die Ernst Neufert und Wilhelm Wagenfeld verkörperten und an deren ehemaligen Wirkungsstätten ein Gastspiel gaben: auf dem TELUX-Gelände, am Neufert-Bau, im Volkshaus oder in der Glasfachschule. Die Formate waren so breit gefächert, dass für jeden etwas dabei war – von künstlerischen Lichtbrücken, Tanz- und Schauspielwerkstätten hin zu ganz praktischen Angeboten wie gemeinsamen Aufräumaktionen. Gewollt war aber viel mehr, als nur zu unterhalten: „Es ist eine Chance, dass sich Menschen damit auseinandersetzen, woher wir kommen und was unsere Geschichte ist. Wir wollen eine neue Lust, ein neues Lebensgefühl wecken“, so formulierte es Torsten Pötzsch. Darüber hinaus waren Formate an und mit den Objekten erfolgreich – wie z. B. Porträts stadtbekannter Persönlichkeiten am Neufert-Bau, das Aufstellen von Hinweisschildern, die Visualisierungen etwa auf Postkarten oder Führungen zum Tag des offenen Denkmals und zum Tag der Städtebauförderung. Jüngst wurde das Projekt „Uncover“ begonnen, in dem man durch „Augmented-Reality-Technologie“, also computergestützte Wahrnehmung, an bedeutende Orte der Glasindustrie erinnert.

Zusammen mit Presseartikeln in Tageszeitungen, in der Fachpresse, in sozialen Medien und mit anderen Medienberichten haben diese Formate für die Einwohner das wichtige Signal gesetzt, dass sich in Weißwasser wirklich etwas tut, und zwar nicht für die Gäste, sondern für sie selbst. Dabei halfen auch das Interesse und die Anforderungen des Bundes im Rahmen des Forschungsfeldes oder die Förderung durch die  Bundeskulturstiftung. Den weiten Blick über den Tellerrand bot ein überregionaler Erfahrungstransfer als Sonderformat, bei dem mit drei ähnlichen, aber touristisch fortgeschritteneren Regionen (Bayerisch-Tschechische Porzellanstraße, Industriekultur-Festival Industriada in Polen und Grand Region D/F/B/Lux) Vermittlungs- und Marketinginstrumente  erarbeitet wurden.

„Glasklar“, in Weißwasser geht es weiter!
Zunehmend wird den Menschen vor Ort klar, dass die regionale Baukultur ein bedeutender Teil des Gesamtbildes ihrer Region ist und wichtig für die Identität, Außenwirkung und Weiterentwicklung. In diesem Sinne soll die Verknüpfung von Baukultur-und Tourismusakteuren weitergeführt und ausgeweitet werden. Koordinierend wird hierbei die Mitte 2018 gegründete AG BaukulTour im Förderverein des transnationalen UNESCO Global Geoparks Muskauer Faltenbogen tätig bleiben, was die Verstetigung des Themas über die Laufzeit des Forschungsfeldes hinaus garantiert. Hierzu haben sich deren Mitglieder einer BaukulTour-Charta verschrieben.

Für die Weiterführung des Projektes stehen vor allem die touristische Vermittlung und die Förderung von Sanierungen und Nachnutzungen besonders wichtiger Objekte an: in Weißwasser sind das der Neufert-Bau und das Volkshaus, die Umnutzung der Glasfachschule als Bundesbehördenzentrum sowie die Sanierung und Umnutzung des Bahnhofs als Tor zum Faltenbogen, in Bad Muskau die Sanierung und Nachnutzung der Pücklerschen Brauerei für die Gastronomie sowie in Klein Kölzig die Umnutzung der Ziegelei als touristisches Informationszentrum des Geoparks. Dies ist eine insgesamt ganz erstaunliche Entwicklung, die nicht zuletzt auf den Impulsen aus dem Forschungsfeld beruht und die zu Beginn der Laufzeit sicherlich niemand für möglich gehalten hätte.

Die Stadt Weißwasser wird das Thema Glas als Aufhänger für die erneute Identitätsfindung nutzen. Mit dieser thematischen Klammer kann der Bogen von den Bodenschätzen der Region bis zur Stadt- und Industriegeschichte geschlagen werden. In der Tourismusstrategie ist das Klammerthema Glas als ein Instrument des Standort- und Regionalmarketings gesetzt. Auf dieser Grundlage lassen sich dann weitere touristisch relevante Themen, wie etwa „Braunkohlenabbau/Braunkohlenverstromung“ und „Klinkerarchitektur/Baustoffindustrie“, einbinden. Die im Rahmen der Baukultur- und Tourismus-Strategie erarbeitete BaukulTour-Charta bietet erste Orientierungshilfen für eine regionale Baukultur.

Eins ist jedenfalls „glasklar“: Baukultur und Tourismus lassen sich im Modellvorhaben nicht ohne die besonderen Rahmenbedingungen denken. In Zeiten der Energiewende wird die gesamte Region in den kommenden Jahren vom Lausitzer Strukturwandel geprägt sein, der durch den schrittweisen Ausstieg aus der Braunkohlenverstromung gekennzeichnet ist. Damit verbunden sind – wieder einmal – tiefe gesellschaftliche, wirtschaftliche und auch kulturelle Einschnitte.

Quintessenz
Das Maß aller Dinge ist die Bevölkerung vor Ort mit ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten. An ihre Alltagsthemen anzuknüpfen und sie zu verbinden mit regionaler Baukultur und der touristischen Vermittlung der Landschaft, erwies sich als richtiger Weg im Modellvorhaben. Im Prozess sind neue Impulse für den Tourismus gegeben worden – von den Touristikern zumeist erst wahrgenommen, wenn daraus vermarktbare Produkte oder Angebote erwachsen sind. Da mit dem Oberbürgermeister zunächst ein „Solist“ initiativ geworden ist, hat es seine Zeit gebraucht, um die richtigen Akteure zusammenzubringen. Erst als auf die bestehenden Strukturen des Geoparks aufgesetzt wurde, kam die Netzwerkbildung gut voran. Diese Verankerung in bestehenden Strukturen garantiert zudem die Fortsetzung der thematischen Arbeit auch über die Projektlaufzeit hinaus.

Gute Beispiele aus dem Modellvorhaben Weißwasser/Muskauer Faltenbogen:

 


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus der aktuellen Sonderpublikation Baukultur und Tourismus, Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus – Kooperation in der Region“.

Die komplette Publikation ist als Download-PDF erhältlich oder als Printversion zu bestellen bei: christoph.vennemann@bbr.bund.de, Stichwort: Baukultur und Tourismus.


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